Warschaus grünes Gewissen

Umweltverträgliche Deko auf einer Messe für vegane Produkte.

Umweltverträgliche Deko auf einer Messe für vegane Produkte.

Hübsche Fassaden und giftige Luft. Grüne Offensive und Atemmasken. Milliardeninvestitionen und anhaltende Gesundheitsgefährdung. Willkommen in Warschau!

Da plant man einen Wochenendtrip nach Berlin und zufällig findet eine Anti-Kohle-Demo statt. Ein guter Anlass, um unseren internationalen Freunden Deutschland zu zeigen, ein Zeichen zu setzen und entspannt durch das gesperrte Regierungsviertel zu spazieren. Die Diskussionen um den Hambacher Forst, den Klimagipfel in Polen und die Öko-Reformen in Frankreich schwirren mir durch den Kopf, während der Glühwein den Bauch wärmt. Ich erinnere mich an ein Gespräch mit einem guten polnischem Bekannten über die Luftqualität in Polen. Wenn man durch die Berliner Straßen schlendert, kann man kaum glauben, dass es hier sauberer sein soll. Klingt komisch, ist aber so.

Warschau und der Smog

Denn im Vergleich zu Berlin, ist die Luft in Warschau drei, vier Mal so schlecht. Smog ist ein allgemeines Problem: der Wetterbericht informiert, es gibt Warn-Apps und im östlichen Stadtteil Praga werden Atemmasken ausgegeben. Dem aufmerksamen Besucher fällt es ziemlich schnell auf, dass die Fotos verwaschen aussehen. Selbst an klaren Tagen hängt Nebel zwischen den Straßen. Die Jogger im Park tragen Masken, die Pendler im Bus tragen Masken, die Schulgruppen tragen Masken. Mittlerweile haben sich polnische Firmen darauf spezialisiert und verkaufen sie mit wechselbaren Filtern in allen erdenklichen Designs. Gerade im Winter, wenn geheizt wird und mehr Leute mit dem Auto fahren, wird es problematisch. An Spitzentagen wird Schwangeren und gesundheitlich geschwächten Personen geraten, drinnen zu bleiben und nicht zu Lüften. Chinesische Verhältnisse im Herzen Europas.

Das Problem betrifft ganz Polen schon seit Jahren. Seit 2015 sind mehrere neue Gesetze erlassen worden: Aufklärungskampagnen, zusätzliche Gelder für die Lokalregierungen, sowie die Verpflichtung zum Umstieg auf moderne Öfen und Brennmaterialien. Doch der Nutzen bleibt fraglich. Zwar konnte Polen seine Treibhausgasemmissionen signifikant zurückfahren, doch die Feinstaubwerte bleiben die höchsten der EU. Betroffen sind die industriellen Zentren im Süden und Osten des Landes, sowie die urbanen Ballungsgebiete. Interessant ist, dass die Partikel in der Luft hauptsächlich aus Verkehr und Haushalten stammen – nicht aus Kraftwerken oder Fabriken. Staub und Straßenabrieb werden in Warschau aufgewirbelt und verteilen sich über die Stadt. An trockenen, windstillen Tagen sind deshalb die Werte am höchsten.

Der Kampf gegen den Feinstaub

Warschau verfolgt einen breit angelegten, langfristigen Plan, um der Situation Herr zu werden. Aushängeschild sind die weitläufigen Parks. Immerhin sind ein Viertel des Stadtgebietes mit Grünanlagen überzogen. Dazu kommt ein spannendes Projekt mit einem Namen, der die Ambitionen dahinter verdeutlicht: „Milion Drzew“ (milion dschew/eine Million Bäume). Per App können die Bewohner vorschlagen, wo neue Bäume gepflanzt werden sollen. Weiterhin wird seit Jahren massiv in den Nahverkehr investiert. Die Metro bekommt eine dritte Linie, überall in der Stadt gibt es per App bedienbare Fahrradstationen an Verkehrsknotenpunkten und die Busflotte wird stetig auf Strom- und Erdgasantrieb umgestellt. Die Fortschritte sind langsam, doch das Vorgehen ist vorbildlich.

Vielleicht kann sich ja Deutschland etwas davon abschauen. Feinstaub, Fahrverbote und Elektromobilität sind schon lange in der öffentlichen Diskussion. In Polen werden Parkgebühren erhöht, die Stadtmobilität ausgebaut, ohne die Ticketpreise jährlich zu steigern und an Hochrisikotagen wurde bereits erfolgreich kostenfreier Nahverkehr getestet. Liebe Bürgermeister, liebe Stadträte, liebe Infrastrukturministerien – schaut nach Warschau! Und beteiligt die Menschen am Prozess. Auf dass das Leben in der Großstadt allen zugutekommt.