Don’t you know it’s Oxmas-time at all?

Zunächst einmal: In Oxford feiert man keine Weihnachten. Für einen Ort, der so viele Menschen aus so vielen Nationen und Kulturkreisen vereint, macht das auch Sinn.

Und da der Brite/die Britin an sich es ja gerne allen Recht machen möchte, polite, wie er/sie ist (selbstverständlich ohne sich aufzudrängen und ohne Umstände zu machen), feiert man hier einfach eklektisch alles: Weihnachten, Chanukka, Kwanzaa… Oxmas!

Charakteristisch für Oxmas ist der Weihnachtsmarkt auf der Broad Street, gleich vor der Haustür des Balliol College und des Trinity College. Für verwöhnte deutsche Weihnachtsmärktler/innen fällt der Oxmas-Markt aber leider etwas dürftig aus: ein besserer Street Food Market mit unwesentlich weihnachtlichem Essen (Standardessen + Brie/Truthahn/Cranberries = Oxmas-Essen) sowie ein trostloser Weihnachtsbaum in der Mitte. Außerdem dauert die Veranstaltung bloß ein Wochenende und schließt um 18 Uhr. Das kenne ich aus Trier anders.

In Gesellschaft…

Etwas ausgelassener – und etwas mehr wie das Weihnachten, das ich aus meinem Elternhaus im Saarland kenne – geht es bei den unzähligen Oxmas dinners und Partys zu. Nicht, dass es in meinem beschaulichen Zuhause jedes Weihnachten ein 5-Gänge Menü in Harry Potter-Atmosphäre, serviert von einer Heerschar Livrierter, gegeben hätte. Eher, dass das ausgezeichnete, üppige Essen alle Jahre wieder ein hervorragender Vorwand ist, sich ordentlich einen hinter den Christbaum zu gießen. So geht es gefühlt jeden zweiten Tag zu einem anderen Dinner, je nach Anlass im Dreiteiler oder ugly Oxmas jumper, danach in die jeweilige Collegebar (die meisten Colleges haben ihre hauseigene Kneipe, das kommt oftmals sehr gelegen) und anschließend in einen der unzähligen innerstädtischen Pubs. Hier gibt es dann auch Glühwein…

Jesus College Hall vor einem Oxmas-Formal Dinner (sorry Liz for cutting off your head…)

Und damit auch jede/r etwas von Oxmas hat, feiert man natürlich schon im November, schließlich endet das erste Trimester (Michaelmas) bereits am 1. Dezember und die Stadt, die gestern noch vor jungen Studierenden brummte, ist heute wie plötzlich fast menschenleer. Alle undergrads müssen (!) abreisen und ihre Zimmer für ausgewählte Gäste des Colleges räumen. Die meisten Masterstudierenden verschwinden wahlweise in den Skiurlaub auf irgendwelche Chalets der Eltern in der Schweiz, besuchen alte Bekannte an der Alma Mater in Harvard, oder nutzen diverse research/travelling funds des Colleges für eine kurze Stippvisite in Jerusalem – why not?

Sound, silence, noise

Ein wahrhaft unvergessliches Highlight ist der jährliche christmas carol service, bei dem der College-Chor die sonntägliche Abendmesse (evensong) mit einem distinguiert weihnachtlichen Gesangsprogramm untermalt. Selten habe ich mehr Besinnlichkeit gefühlt als bei Kerzenlicht, Rachmaninow, Händel, oder Klassikern wie Hark! „The Herald Angels Sing“ in der einzigartigen Atmosphäre der vollgepackten College-Kapelle.

Jesus College Chapel vor dem Oxmas Carol Service

In Oxford erkenne ich Weihnachten daher tatsächlich an einer beschaulichen, geruhsamen Stille, die die Stadt plötzlich umgibt. Die Bibliotheken sind leer, die Umtrünke werden weniger (oder sind privater, entspannterer Natur). Man könnte fast vergessen, dass bald Weihnachten ist, wenn Mariah Carey und Wham! mich nicht bei jedem Einkauf über die Supermarktlautsprecheranlage daran erinnern würden.

Tobias

PS: Ein kleiner Zusatz. Es gab dann doch noch einen richtigen Weihnachtsmarkt mit dem üblichen Kitsch, aber auch tollen, kleinen Handwerksarbeiten, Glühwein, und so mancher Leckerei aus der Weihnachtsbäckerei; beispielsweise – ich befinde mich ja hier quasi auf Harry Potter Territorium – Butterbier. Oder selbstgemachtes Lakritz. Sogar German Bratwurst. Und (warning: strong pornography!) eine Raclettebude. Das Konzept: Standardessen + frisch geschmolzener Raclettekäse. Und alles ist besser mit Käse. Pommes. Falafel. Alles. Auch Weihnachten.