Kapitel 3 – Okamoto Tarō und das letzte Relikt der Menschheit

„Kunst ist eine Explosion!“, so lautet das vielleicht berühmteste Zitat von Okamoto Tarō, einem Vertreter der japanischen Avantgarde. Und als wäre sein Atelier mitten über Tokio explodiert, finden sich überall in der Stadt Gemälde und Skulpturen des Künstlers. Ein kleiner Ausflug in die Welt der japanischen Kunst.

Campusnews-Bloggerin Hanna war in Osaka und besuchte Okamoto Tarōs „Turm der Sonne“. Ihre Meinung über den Künstler und weitere Fotos gibt es am Ende des Artikels!

Ein Gemälde, das selbst zum Mythos wurde

Menschen über Menschen. Touristen, ausgestattet mit Selfiestick, bleiben auf der Mitte der Kreuzung stehen. Wir befinden uns auf der Shibuya Scramble (engl. Gedrängel), einem Wahrzeichen der Stadt. Wer je eine Dokumentation über Tokio gesehen hat, kennt die Bilder: Mehrere Ampeln schalten gleichzeitig auf Rot und 2000 bis 3000 Menschen wechseln aus allen Richtungen die Seiten. Was viele aber nicht wissen, blickt man zurück Richtung Bahnhof durch die gläserne Wand des zweiten Stocks, so sieht man ein gigantisches Gemälde.

Der „Mythos von Morgen“ (Asu no shinwa) im Bahnhof Shibuya

Ungefähr 30 Meter lang und 5 Meter hoch ist der „Mythos von Morgen“ (Asu no shinwa) von Okamoto Tarō. Es stellt die Atombombenabwürfe als surreales Schreckensbild dar. Vor dem düsterem Hintergrund fallen die grellen Signalfarben auf, insbesondere Rot ist typisch für Okamotos Stil. Links und rechts vom brennenden Skelett im Zentrum zeigen sich schwarze Menschen, umgeben von schwebenden Flammen. Sie sehen aus, als würden sie sich in Schmerzen winden. Aber Okamotos Aufarbeitung des nuklearen Holocausts ist keine rein pessimistische. Der Künstler selbst sagte einmal, die Menschen tanzen in seinem Bild. Es sei die Hoffnung, dem Wahnsinn zum Trotz zu überleben und weiterzumachen. Dennoch ist es schwer vorstellbar, dass dieses Gemälde ursprünglich für die Lobby eines mexikanischen Hotels gedacht war. 1968 bekam Okamoto den Auftrag dazu, 1970 ging das Hotel aber pleite und das fertige Gemälde verschwand spurlos. Es vergingen 35 Jahre, bis es in einem Vorort in Mexiko gefunden wurde. Okamoto war 1996 verstorben, seine Frau brachte es zurück nach Japan, wo es restauriert worden ist. Seit 2008 befindet es sich in der Innenhalle des Bahnhofs Shibuya und ist mittlerweile selbst zum Mythos geworden. Ab und an halten Pendler inne und blicken auf diese gewaltige Hinterlassenschaft einer Ausnahmepersönlichkeit, die sich nur schwer in die japanische Kunstgeschichte einordnen lässt.

Okamotos „Junger Uhrenturm“ (Wakai tokeidai) im Einkaufs- und Geschäftsviertel Ginza

Abseits der Prunkmeile

Ich will mehr über den Künstler wissen und mache mich vom Bahnhof in Shibuya auf nach Omotesando, wo sich das Taro Okamoto Memorial Museum befindet. Omotesando, hier befinden sich die Tokioter Flagship-Stores von Louis Vuitton und Emporio Armani. Es ist einer der überfülltesten Orte in Tokyo, und dennoch lässt es sich dort angenehm spazieren, denn die Menschenmengen bewegen sich brav der Ordnung entsprechend. Interessant wird es in den Seitengassen, wo schicke Cafés, Boutiquen und Friseursalons den meisten Platz einnehmen. Noch eine Seitengasse weiter finde ich, ganz unscheinbar, fast versteckt, das Museum. Rechts vom Eingang des schlichten Betonbaus wuchert ein winziger Urwald, in dem hie und da Skulpturen des Künstlers ausgestellt sind.

Das Taro Okamoto Memorial Museum in der Nähe von Omotesando

Am Eingang frage ich, ob ich Fotos auf dem Blog veröffentlichen darf, was mir glücklicherweise gestattet wird. Ich muss mich also nicht nur auf das Wort verlassen, sondern kann einen direkten Einblick in den Schaffensbereich von Okamoto geben. Denn es ist das ehemalige Atelier des Künstlers, das nun als Museum genutzt wird. Er selbst steht als Wachsfigur aufgereiht neben seinen Skulpturen und Gemälden. Eine Themenausstellung mit dem Titel „Okamoto Tarō und Jazz“ findet momentan statt. Über die Biografie des Künstlers erfahre ich nur wenig. Daher greife ich im Museumsshop zum nächstbesten provokanten Titel und gebe mich der Lektüre hin.

Das ehemalige Atelier des Künstlers

„Trage Gift in dir!“

Mit dem knapp 200 Seiten starken Band bin ich schnell durch. „Trage Gift in dir“ heißt der Titel, das Gesicht des Künstlers ziert das Cover. Willensstarke, stechende Augen, manchmal, so scheint es mir, an der Grenze zum Wahnsinn. Warum die Lektüre mich nicht sonderlich fordert? Ein Kalenderspruch jagt den nächsten. „Traue dich, den riskanten Weg einzuschlagen“, „Lebe im Moment“. Doch zwischen all den Banalitäten scheint stellenweise eine außergewöhnliche Biografie durch. So folgende Szene: Paris 1936. Okamoto Tarō sitzt im Café La Closerie des Lilas, einem Treffpunkt für Künstler, als der deutsche Maler Max Ernst ihn mit einem Flugblatt zu der offenen Versammlung „Contre-attaque“ (frz. Gegenangriff) gegen den erstarkenden Totalitarismus in Europa einlädt. Hier lernt Okamoto, dass der Kompromiss nicht ohne Konflikt existiert. Nicht wie in Japan, so seine Kritik, wo ein Kompromiss bedeute, dass beide Seiten ihre Interessen unterdrücken. Aber was machte Tarō damals in Paris? 1911 geboren als Sohn eines Karikaturisten und einer Schriftstellerin genoss der junge Taro, was man heutzutage als antiautoritäre Erziehung bezeichnen würde. In der Mittelschule musste er ein Jahr wiederholen, da er, trotz gewaltsamer Maßnahmen des Lehrpersonals, nicht „kompromissbereit“ gewesen sei.

Er selbst spricht vom „herausstehenden Nagel“, der „eingeschlagen“ werde. Kein Satz über Japan ist so viel zitiert und abgedroschen. Wer sich von der Masse unterscheidet, wird kleingemacht. Japanischer Kollektivismus gegen westlichen Individualismus. Ganz so, als wäre es zur Jugend meiner Großeltern anders in Deutschland gewesen, als wäre eine offene, liberale Gesellschaft selbstverständlich und nur im exotischen Osten ginge die Gruppe vor. Tarō jedenfalls, der stets seinen eigenen Kopf behalten hatte, hegte eine tiefe Abneigung gegen dieses Sprichwort. Ein Nagel sei kalt und aus Stahl. Was man ihm aber in der Schule austreiben wollte, waren seine Leidenschaft und seine Neugier. An der Universität der Künste in Tokyo erging es ihm nicht besser. Nach einem halben Jahr verließ er diese mit der Begründung „Kunst könne man nicht unterrichten.“

Okamoto Tarō als Wachsfigur im Kreise seiner Kunstwerke, ebenfalls im Museum

Im selben Jahr, Ende 1929, zog er mit seinen Eltern nach Paris. Während diese schon im Folgejahr nach London weiterzogen, blieb Tarō in Frankreich. Paris überwältigte ihn. Er befasste sich mit abstrakter Kunst und dem Surrealismus sowie mit Ethnologie. All dies sollte sein künstlerisches Schaffen prägen. 1940 beendete seinen Aufenthalt in Paris. Die Invasion der Deutschen in Frankreich zwang Tarō zurück nach Japan, wo er nur kurz künstlerisch tätig sein konnte, bis er an die chinesische Front eingezogen wurde. Als er 1946 in seine Heimat zurückkehrte, waren alle seine Werke infolge der Luftangriffe verbrannt.

Der „Baum der Kinder“ weint

Ich schlage das Buch zu, verlasse das Café in Nähe des Museums und gehe zurück in Richtung Bahnhof. Mein Rückweg führt mich an der United Nations University vorbei, in deren Vor- und Innenhof wöchentlich ein großer Markt stattfindet. Street Food, Bioprodukte und Kaffee, ich fühle mich ein wenig an Deutschland erinnert. Das Publikum ist internationaler als im Rest der Stadt und ich glaube, so etwas wie japanische Hipster zu erkennen. Aber der eigentliche Grund für meinen Zwischenhalt ist der Kodomo no ki, zu Deutsch: Baum der Kinder. Das ist nicht das erste Mal, dass ich diese Statue mit den vielen bunten Gesichtern sehe. Schon beim ersten Blick vor einigen Jahren wusste ich sofort, welcher Künstler dahinter steckt, aber welche Geschichte sich hinter dem „Baum“ verbirgt, wusste ich nicht. Ich nähere mich der Statue, doch heute ist etwas anders.

Der „Baum der Kinder“ (Kodomo no ki) in der Nähe der United Nations University

Umzäunt von durchsichtigen Plastikwänden, die wiederum versehen sind mit Informationspostern, finde ich Okamotos „Baum“ vor. Ich werde von Protestierenden angesprochen. Es geht um das Gebäude hinter der Statue, dem Kodomo no shiro (dt. Kinderschloss), einer staatlichen Kindertagesstätte, die Unterhaltung, Sport- und Musikprogramme anbot und ein Zusammenleben in Diversität förderte. Das Gebäude wurde 2015 nach 30 Jahren geschlossen und steht seitdem leer. Es sei zu alt und die Renovierung zu teuer, so die Begründung der Stadtverwaltung. Viele Eltern und Unterstützer der Einrichtung demonstrieren bis heute für eine Neueröffnung. Okamotos Skulptur wirkt auf einmal verlassen und deplatziert. „Der Baum der Kinder lächelt mit seinen vielen Gesichtern immer in Richtung der Kinder, aber tatsächlich weint er“, sagt mir eine Demonstrantin, die Unterschriften sammelt. Vor dem grauen Herbsthimmel wirken diese Worte umso aufrührender, wenngleich etwas kitschig. Ich verkneife mir ein ironisches Lächeln, denn diese Frau protestiert dort schon seit sechs Jahren, also drei Jahre vor der offiziellen Schließung. Sie zeigt auf einen kleinen Baum am Fußgängerweg. Dies sei der einzige Schutz vor Schatten, wenn sie im Hochsommer Unterschriften sammle.

Ein Affront gegen den guten Geschmack

Ein Mann im weißen Anzug sitzt an einem Flügel. Während er in die Tasten schlägt, flimmern rote, gelbe und schwarze Farbmuster auf der Oberfläche des Instruments. Der Mann blickt nach oben in die Kamera und sagt: „Kunst ist eine Explosion!“ (Geijutsu wa bakuhatsu da!)

Es handelt sich um eine Werbung für Videokassetten aus dem Jahr 1981 und der Mann ist natürlich Okamoto Tarō. Was soll das heißen? Gemeint ist keine physische Explosion, kein Knall, sondern vielmehr eine Lebensart. Leidenschaft. Gegen alle Widerstände. Weiter definiert er das nicht. Stattdessen formulierte Okamoto drei Regeln der Kunst: Sie darf nicht gefällig sein. Sie darf nicht schön sein. Sie darf nicht angenehm sein. Ein befreundeter Journalist sagte zu Tarō, als der nach dem Krieg seine Karriere erneut begann: „Jemand der Dinge wie du tut oder sagt, wird aus dieser Gesellschaft entfernt. Im Westen ist es vielleicht anders, aber in Japan kommst du damit nicht durch.“ Darauf Tarō: „Wenn ich entfernt werde, ist mir das recht. Aber ich werde bis zum Ende kämpfen.“

Das letzte Relikt der Menschheit / Weltausstellung 1970

Der „Turm der Sonne“ (Taiyō no tō) auf dem ehemaligen Gelände der Weltausstellung

Okamotos Arbeitswut zeigt sich nicht nur in dem gigantischen „Mythos von Morgen“ in Mexiko. So bemalte er 1973 ein 56 Meter langes Luftschiff. Doch sein verblüffendstes Werk, Taiyō no tō (dt. Turm der Sonne), sprengt selbst Tarōs Maßstäbe. 70 Meter hoch erstreckt sich der weiße Turm mit den emporschwingenden Seitenarmen und den drei Gesichtern, von denen das zentrale seltsam verstimmt dreinblickt. „Ist es eine Skulptur, ein Bauwerk oder bildende Kunst“, fragt Sunohara Fumihiro, Kunstwissenschaftler an der Universität Gunma. Das Zitat stammt aus dem Dokumentationsfilm zum Kunstwerk, Taiyo no tō, in dem zahlreiche Kunstkritiker vor die Frage gestellt werden, was es mit diesem Objekt auf sich hat. Tarō selbst bezeichnete sein Werk stets mit dem Adjektiv „berabō“: unerhört, wahnsinnig, furchtbar.

Und so steht der Sonnenturm mitten in einer riesigen Grünanlage in der Nähe des Museums für Völkerkunde in Osaka. Es handelt sich nicht um irgendeinen Ort. Hier fand 1970 die Weltausstellung statt, die erste in einem asiatischen Land. Ähnlich wie die Tokioter Olympiade 1964 war diese Veranstaltung Symbol dafür, dass Japan als fester Teil der Weltgemeinschaft zu deren Wohl beiträgt. Dass man aber nicht nur dem Westen nacheiferte, sollte sich im japanischen Pavillon zeigen. Und so wurden Vertreter der japanischen Avantgarde angefragt. Einer von ihnen war Okamoto Tarō. Das Motto lautete: „Fortschritt und Harmonie für die Menschheit“. Was der wenig „kompromissbereite“ Tarō von Harmonie hielt, habe ich bereits ausgeführt. Dem optimistischen Fortschrittsglauben seiner Zeit („Wettlauf ins All“) stand er ebenfalls kritisch gegenüber. Kurz: er hasste das Thema der Expo und scheute auch nicht davor zurück, das öffentlich zu sagen. „Ich werde etwas Unerhörtes schaffen.“ „Mir ist egal, ob es geliebt wird oder nicht“, so der Künstler. Und dann pflanzte er inmitten dieser Weltausstellung, zentral in den japanischen Pavillon seinen gigantischen Turm als Protest gegen den Fortschritt. Der Sonnenturm soll so aussehen, als wäre er schon immer dort gewesen. Wie ein Relikt einer vergangenen Zivilisation, das auch nach unserer Zivilisation bestehen wird. Ein ungeheurer Gedanke, der in besagter Dokumentation geäußert wird.

Ich erinnere mich an eine der lustigsten Szenen aus der Dokumentation: Menschen, die auf dem Gelände der ehemaligen Weltausstellung arbeiteten, und täglich auf den Turm blickten, erzählten kurze Anekdoten. Darunter war eine Bahnangestellte, die ganz trocken bemerkt, dass manche Kinder weinen, wenn sie den Turm zum ersten Mal sahen. Was ist das für ein Ding, dessen Präsenz sich nicht ausblenden lässt? Das Kunstkritiker bis heute vor Fragen stellt? Ein Monument? Aber für was? Vielleicht ist dieser Turm einfach ein riesiger vorstehender Nagel, den Okamoto Tarō dort mitten in Japan eingesetzt hat, ein riesiger, unüberschaubarer Affront. Einer, der nicht so leicht eingeschlagen werden kann.

Ende November ist bekannt gegeben worden, dass die Weltausstellung des Jahres 2025 wieder in Japan, wieder in Osaka ausgetragen wird. Okamoto Tarō hätte sicherlich eine Menge dazu zu sagen gehabt. Ich frage mich, ob jemand wie er noch mal möglich sein könnte. Es wäre nicht das Schlechteste für Japan.

Hannas Kommentar aus Osaka:

Hanna, die ebenfalls für die Campusnews aus Japan bloggt und mittlerweile sicher mehr Kunstmuseen in Tokio besucht hat als ich, ist meine erstere Ansprechpartnerin gewesen, als ich die Idee entwickelt habe, über Okamoto Tarō zu schreiben. Einige kunsthistorische Debatten später hat sich ihr die Chance geboten, für ein Wochenende nach Osaka zu fahren und den „Turm der Sonne“ zu besuchen. Zufällig fand gerade auf dem Gelände der Weltausstellung eine Illumination statt. Hannas Fotos könnt ihr hier betrachten. Was sie von Okamoto Tarōs „wahnsinnigem“ Relikt hält:

„Mein erster Eindruck des Turms war, dass er aussieht wie ein Hühnchen. Bei Tag fand ich ihn lächerlich, bei Nacht sogar gruselig, weil die Augen nach Sonnenuntergang unheimlich zu leuchten beginnen. Mehr als einmal habe ich mich gewundert, wer denn wohl das finale „Okay“ dazu gegeben hatte, dieses riesige Ding zu bauen. Aber bei meinem erneuten Besuch in Osaka habe ich eine Art Vertrautheit mit dem Turm gespürt. Die humorvolle und angenehm locker wirkende Bauweise des Kunstwerkes hat mich an die herzliche Art der Leute in Osaka erinnert. Und auch wenn die Projektionen auf dem Turm teils sehr kitschig ausgefallen sind (z. B. Sternenbilder, die zu zwei Händen werden, die einander umfassen, während eine Frauenstimme im Hintergrund „Haaaaaa“ schmettert), hat einen das ganze doch bewegt. Als Wahrzeichen, das einen mit offenen Armen empfängt und über das man den ein oder anderen Scherz machen kann, ist es für mich untrennbar mit Osaka verbunden.“

 

And now for something (almost) completely different:

In dreister Eigenwerbung folgt hier der Verweis auf das „Resümee aus Tokyo“. In diesem Podcast berichte ich ab jetzt monatlich über mein Leben in Japan. Episode 7 -Zettai Unmei Mokushiroku