Tadaima! (Dt. Ich bin zuhause!)

Back in Osaka, der Stadt voller Betonbauten

Für ein Wochenende bin ich in meine alte Wahlheimat Osaka zurückgekehrt und habe alte Bekannte getroffen. Hier kommt ein kleiner Osaka-Tokio-Vergleich und wie es sich anfühlt, seine Gasteltern wiederzusehen. Die Bewerbungsfristen für den nächsten Japanaufenthalt mögen zwar gerade verstrichen sein, aber ich möchte ein kleines Plädoyer für das Leben bei einer japanischen Familie geben.

Reise oder Rückkehr? – Vielleicht ein bisschen von beidem

Der Fernbus kommt um kurz nach 7 Uhr abends in Umeda an. Ich steige aus, strecke mich und schüttle die Müdigkeit von der achtstündigen Fahrt ab. Ein kurzes Umschauen genügt und ich weiß wieder, wo ich bin. Ein paar Schritte von mir entfernt, befindet sich das riesenhafte Kaufhaus Yodobashi Kamera, das sofort ins Auge fällt, wenn man den Bahnhof Osaka verlässt. Ein Koloss von einem Betonbau ohne Fenster, so steht es immer noch genau da, wo ich es zurückgelassen hatte. Vor ungefähr zwei Jahren begann hier mein erstes Abenteuer in Japan.

Ich drehe eine kurze Runde durch den altbekannten Bahnhof, mache Fotos hier und da und füge in meiner Instagram-Story ein paar Videos hinzu: „Tadaima!“ „Bin wieder zuhause!“ Dann mache ich mich auf den Weg zum Bahnsteig 1, von wo aus die Osaka Loop Line in zwei Richtungen die größten Bahnhöfe der Stadt bedient. Hier stehen die Menschen aufgereiht auf der rechten Seite der Rolltreppe. Undenkbar in Tokio, da ist es genau umgekehrt. Ich stelle mich zwischen die Leute und fahre begleitet von einer kleinen Identitätskrise hinauf zum Ticketgate.

Ein Blick aus dem Bahnhof Osaka heraus auf das Umeda Sky Building.

Mein erster Aufenthalt in Japan begann und endete in Osaka

Vor zwei Jahren bei meinem ersten Auslandsjahr hatte ich mich bereits für die Sophia Universität in Tokio beworben und bin auch angenommen worden. Am Ende hatte ich mich jedoch für Osaka entschieden. Die Möglichkeit, bei einer Gastfamilie leben zu können, hatte letzten Endes überwogen, neben dem leichten Bammel vor einer derart riesigen Großstadt wie Tokio. Ich dachte und denke immer noch, dass das genau die richtige Entscheidung war. Es ist zwar nicht der Fall, dass ich für den ersten Japanaufenthalt Tokio nicht empfehlen könnte. Aber vielmehr denke ich, dass die Erfahrung, in einem japanischen Haushalt zu leben, unschätzbar wertvoll ist.

Ob ich damals nervös gewesen bin, in was für einer Familie ich landen würde, kann ich nicht mehr sagen. Vermutlich schon, aber gleichzeitig überwog das Vertrauen, dass die Gastfamilien sich auch auf die Austauschstudierenden freuen und wissen, warum sie sich auf diese Beziehung einlassen. Vor meiner Abreise begann die erste Kontaktaufnahme. Ich bekam eine E-Mail, in der sich meine Gasteltern vorstellten und die ich meinerseits mit einer fehlergespickten Selbstvorstellung auf Japanisch beantwortete. Später sollten wir zusammen darüber lachen.

Keine Angst – Gastfamilien beißen nicht!

Meine Gasteltern hatten mich dann nach meiner Ankunft in Osaka abgeholt und mit dem Auto nach Hause gefahren. Natürlich war eine gehörige Portion Aufregung im Spiel. Alles war neu, die Uni, die Gastfamilie, die Freunde, die Umgebung, die Stadt. Viele Erinnerungen vermischen sich im Nachhinein zu der spannenden und positiven Erfahrung meines Auslandsaufenthaltes. Was davon jedoch besonders in Erinnerung bleiben wird, ist das Zusammenleben mit meinen Gasteltern.

Vom ersten Tag an haben sie mich unglaublich gastfreundlich aufgenommen. Von da an haben wir (fast) jeden Morgen und Abend gemeinsam gegessen, gequatscht und gelacht. Wenn ich ein Problem hatte, konnte ich mich immer vertrauensvoll an meine Gasteltern wenden. Auch für meine Japanisch-Kenntnisse war der Aufenthalt von unschätzbarem Wert, da sich außerhalb der Uni selten eine so gute Gelegenheit bietet, regelmäßig Japanisch zu sprechen. Gleichzeitig hatte ich nie das Gefühl, während meines Austauschjahres eingeschränkt zu sein. Wenn man sich an die Absprachen hält (z. B. beim nach Hause kommen die Tür immer abschließt oder Bescheid sagt, falls man es nicht zum Essen schafft) und sich gegenseitig Freiräume gibt, stehen alle Chancen gut, dass man einen wunderbaren Aufenthalt mit dem Plus einer authentischen japanischen Lebensweise hat. Nicht unerwähnt soll an dieser Stelle die schmackhafte japanische Hausmannskost bleiben, die man dadurch entdecken kann.

In der Nähe meines Heimatbahnhofs gibt es diesen einmaligen Deal: einen Rieseneisbecher für nur knapp 5 Euro. Aber man muss ihn in 40 Minuten aufessen. Just Osaka things!

Ankunft in Tsuruhashi, meiner alten hood

Um ca. 8 Uhr komme ich in Tsuruhashi an, meinem alten Wohnort. Als ich die Stufen des Bahnhofs hinuntergehe, erreicht bereits der Duft von Yakiniku (gebratenem Fleisch) meine Nase. Vor mir breitet sich ein verschachteltes Labyrinth von Gassen mit unzähligen billigen Lebensmittel- und Kleidungsläden aus. Ich umrunde es und mache mich direkt auf den Weg zu meinen Gasteltern. Gemächlich schlendernde Passanten, bekannte Läden. Als sich eine automatische Tür neben mir öffnet, dringt der Lärm der Spielautomaten einer Pachinko-Halle (Glücksspiel) an mein Ohr. Alles erscheint mir vertraut, ich fühle mich, wie in der Zeit zurückversetzt.

Das Wiedersehen mit meinen Gasteltern – Ich habe sie sehr vermisst!

Dann stehe ich auch schon vor dem Haus meiner Gasteltern. Ein unsicheres Gefühl beschleicht mich. Wie wird es wohl sein? Was mag sich verändert haben? Haben meine Gasteltern sich verändert, habe ich mich verändert? Etwas mehr als ein Jahr haben wir uns nicht gesehen, nur über Social Media und den japanischen Nachrichtendienst LINE Kontakt gehalten. Sobald sich jedoch die Tür öffnet und ich sie wiedersehe, scheint jeder Zweifel verflogen. „Okaerinasai!“ (Dt. Willkommen zu Hause!) begrüßen sie mich und ich antworte: „Tadaima!“ (Dt. Ich bin zu Hause!) Ich betrete mein früheres temporäres Heim und fühle mich direkt wieder wie zu Hause. Wir essen gemeinsam Abendbrot und haben uns viel zu erzählen.

Ich höre Geschichten von den anderen Austauschstudierenden, die vor mir bei meinen Gasteltern gewohnt haben. Die eine hat geheiratet und wohnt in Tokio, ein anderer hat einen weiteren Austausch in Taiwan gemacht und scheint nun verlobt zu sein. Ein Dritter hat an dem JET-Programm (Japanese Exchange and Teaching Program) teilgenommen und unterrichtet Englisch irgendwo in der Provinz in Japan. Während ich in Osaka studiert habe, sind drei der ehemaligen Anwohner des Hauses zu Besuch gekommen, was auch für mich das Gefühl erzeugt hat, ein Teil einer großen internationalen Familie zu sein. Nun bin ich selbst zurückgekehrt. Und hoffe, dass diese Verbindung noch viele Jahre halten mag.

Die besten Gasteltern der Welt

Ein Plädoyer für Gastfamilien – während des Austausches wirklich zu Hause sein!

Meine Gasteltern berichten, dass es im vergangenen Jahr kaum Austauschstudierende an der Osaka Gakuin Universität gegeben habe, die sich für einen einjährigen Aufenthalt bei einer Gastfamilie entschieden hatten. Im Rückblick auf meine eigene Erfahrung möchte ich daher Mut machen, sich auf dieses Abenteuer einzulassen. Jede Gastfamilie, die ich bisher kennengelernt habe und auch alle Austauschstudierenden, die bei einer gelebt haben, waren sehr aufgeschlossen und glücklich über diesen wechselseitigen Austausch. Gerade für das Anwenden der Japanisch-Kenntnisse bietet die tägliche Interaktion mit Muttersprachlern unschätzbare Vorteile. Aber auch was das Ankommen und sich zu Hause fühlen in einem fremden Land betrifft, ist eine Anlaufstation wie diese nicht verkehrt.

Kurzurlaub in der ehemaligen Wahlheimat

Das Wochenende in meiner ehemaligen Heimat ist leider viel zu schnell vorbei. Ich treffe alte Freunde, andere Austauschstudierende, besuche den Turm der Sonne im Expo-Park, dessen riesenhafte ausgebreitete Flügel mich willkommen zu heißen scheinen (auch wenn ich das Ding immer noch merkwürdig finde). Am letzten Abend gehe ich dann noch mal mit meinen Gasteltern essen und werde von ihnen am Busbahnhof verabschiedet.

Ein bisschen wehmütig steige ich in den Bus, der mich zurück in meine jetzige Heimat Tokio bringen soll. Dort gibt es noch so viel zu entdecken, aber hier in Osaka kenne ich mich bereits aus. An dem Wochenende habe ich so viel Japanisch gequatscht wie schon lange nicht mehr. An der Sophia Universität dagegen geht es internationaler zu, ich spreche mehr Englisch an der Uni und im Wohnheim. Aber ich werde wieder herkommen und meine Gasteltern wollen mich auch in Tokio besuchen. Vor zwei Wochen wurde außerdem bekannt gegeben, dass die Weltausstellung 2025 in Osaka stattfinden wird. Wenn das nicht Mal ein guter Grund ist, wiederzukommen.

Der Turm der Sonne kündigt die nächse Expo in Osaka in einer atemberaubenden Lightshow an

Ein Kommentar

Keine Kommentare.