Weihnachten in Japan ist, wenn…

Illumination in Roppongi.

Stille Nacht, Heilige Nacht ist in der östlichen Metropole Japans eher weniger angesagt. Busy ist der Weihnachtsbetrieb und bringt einige Phänomene der kalten Jahreszeit ans Tageslicht. Über kulturellen Import aus Deutschland und das Geschäft mit dem Weihnachtswahn.

Wir schreiben das Jahr 2018, es ist der 1. November, gegen Abend. Ich finde mich nach einer spannenden und etwas anstrengenden Autofahrt nach Nikko in einem buchladeninternen Starbucks wieder. Aber etwas ist anders als in den Tagen zuvor. Seit Wochen konnte ich mich kaum vor Halloween Dekorationen in allen möglichen Geschäften retten. Lachende Kürbisse und süßer Grusel überall. Aber sobald die Turmuhr zwölf schlägt, und das Kalenderblatt vom 31. Oktober abgerissen worden ist, kippt die Stimmung um 180 Grad. Die Halloweendeko wird eingefahren und gegen grinsende Nikoläuse, Schneeflocken und blinkende Girlanden ausgetauscht. Wäre ich ein paar Stunden vorher in Starbucks gewesen, bin ich mir sicher, dass man mir auch den Kaffeebecher aus der Hand gerissen und gegen eine Weihnachtsversion ausgetauscht hätte. Und so denke ich verwundert daran zurück, wie man sich in Deutschland über frühreifen Lebkuchen in den Regalen echauffiert, während „Last Christmas“ aus den Lautsprechern zu schallen beginnt.

Valentinstag, Kirschblüte, Sommer, Halloween, Weihnachten

Weihnachten in Japan ist eine Jahreszeit des kommerziellen Kalenders, neben Halloween, der Kirschblütenzeit und dem Valentinstag. Sobald eine dieser Jahreszeiten beginnt, ändern sich die Gestalt der großen Städte und die Produktdesigns der großen Marken. Man denke nur an all die Produktpaletten, die im April um die Geschmacksrichtung Sakura (dt. Kirschblüte) erweitert werden. Das ist in Deutschland vielleicht ähnlich, aber wirkt dennoch stark verwässert im direkten Vergleich zur Konsumhochburg Tokio.

Jedes Geschäft ist weihnachtlich dekoriert. Seit Wochen liegen Flyer in meinem lokalen Convenience Store aus, die Weihnachtskuchen anpreisen (Kurisumasu keeki). Weihnachtskuchen, das sind Miniaturkunstwerke in Handtellergröße, gespickt mit Sahne, Glitter und mit Früchten, die zu dieser Jahreszeit sicher nicht mehr wachsen sollten. Die Preise sind teilweise exorbitant, aber (kommerzielle) Tradition verpflichtet ja bekanntlich. Am 25. Dezember werde ich mich vielleicht auf die Jagd nach einem vergünstigten Exemplar machen. Kurz nach Weihnachten fallen die Preise für die Restkuchen nämlich enorm.

Weihnachten in Japan bedeutet auch kulturellen Import aus Deutschland, Stichwort Weihnachtsmärkte. In Tokio und Umgebung gibt es drei Stück davon (Die Dunkelziffer ist vermutlich höher). Bei dem Besuch stellt man schnell fest, dass man den geliebten Glühwein nicht missen muss, der wird an jeder Bude verkauft. Für sechs bis sieben Euro darf man sich die Hände an einer Tasse davon wärmen, während die Füße langsam zu Eiszapfen werden. Schade nur, dass man die Tasse kaufen muss und nicht am Stand zurückgeben kann. Auch andere deutsche Delikatessen gibt es zuhauf, namentlich zu erwähnen sind hier beispielsweise Krombacher Pils und die allseits bekannte und beliebte XXL-Würstchenplatte mit 20 farbenfrohen Würsten (wer kennt sie nicht?).

Ein etwas anderer kultureller Import dagegen findet im Festzelt des deutschen Weihnachtsmarktes im Hibiya Park statt. Es schallt „Komm hol das Lasso raus, wir spielen Cowboy und Indianer“ aus dem Zeltinneren, performt von einer Gruppe sicherlich recht kompetenter eingeflogener Musiker. Da hat sich doch tatsächlich der Deutsche Schlager als blinder Passagier auf dem Weihnachtsmarkt-Dampfer aus Deutschland eingeschlichen. Schnell verlassen wir das Zelt und lauschen den trauten Klängen aus den Lautsprechern des Marktes. Da läuft etwas blechern „Oh Tannenbaum“.

Zu erwähnen bleibt zum Schluss nur noch die wundervolle Winterillumination, die Tokio in der dunklen Jahreszeit ganz besonders funkeln lässt. Ob diese durch den Einfluss von Weihnachten aufgestellt wurde oder nicht, bleibt zu vermuten.

Was ich an Weihnachten machen werde, habe ich noch nicht beschlossen. Dem Großteil der japanischen Studierendenschaft meiner Uni dürfte dieser Feiertag als willkommene Gelegenheit dienen, einmal kräftig auszuschlafen oder auf ein Date mit der Partnerin oder dem Partner zu gehen. Weihnachten in Japan ist, wenn der Valentinstag einmal gecopy & pasted wurde (Verzeihung an alle GermanistInnen für diese denglische Entgleisung). Wahlweise geht man dazu zu Kentucky Fried Chicken, eine weitere kommerziell etablierte Tradition und gönnt sich den original Weihnachtseimer Chicken Wings.

Ich wünsche auf jeden Fall allen Leserinnen, Lesern und allen mit der Universität Trier verbundenen Personen eine schöne und hoffentlich entspannende Weihnachtszeit. Viele, liebe Grüße aus Tokio 🙂

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