Ein Weihnachtsfest der Erinnerungen

Im Winter strahlt der Sonnenuntergang durch die Papiersterne im Fenster und taucht unser Wohnzimmer in ein Meer leuchtender Punkte.

Weihnachten ist ein Fest für die Sinne. Lichter und Kerzen tauchen Wohnzimmer und Innenstädte in festliches Licht. Dampfender Glühwein wärmt Hände und Seele. Aus der Küche dringt der Duft frisch gebackener Plätzchen. Auf dem Klavier stimme ich ein feierliches „Oh du fröhliche“ an – und auf einmal sind da all die Erinnerungen. Ein sehr persönlicher Blogbeitrag inklusive musikalischem Weihnachtsgruß.

Weihnachten leuchtet

Weihnachten hat für mich einen ganz besonderen Glanz. In der dunklen Jahreszeit, wenn der Wind um die Tarforster Häuser pfeift, verwandelt sich unser Wohnzimmer in eine für meinen Geschmack etwas kitschige Weihnachtstrutzburg. Die Fenster werden mit selbstgebastelten Papiersternen geschmückt (die erfreulicherweise nur ein klein wenig selbstgebastelt aussehen). Der Adventskranz wird mit bunten Kugeln verziert, in denen sich der Schein der Kerzen spiegelt (sehr, sehr viele Kugeln – die Jungs haben befunden, bei Weihnachtsdekoration ist mehr definitiv mehr). Zu jeder Mahlzeit wird der Tisch mit zahlreichen Teelichthaltern dekoriert (ihr habt es erraten – von den Jungs selbst gebastelt). Was soll ich sagen? Im Dezember gefällt es mir. Gut, wenn ich so durch die Trierer Straßen fahre, denke ich, dass man es mit der Weihnachtsbeleuchtung auch übertreiben kann. Ich sage nur: Weihnachtsdisko im Fenster. Meterhohe, aufblasbare Weihnachtsmänner vor der Tür. Weihnachtsschlitten, Geschenke und Rentiere aus Tausend und einem Licht auf dem Dach. Ich fürchte, Sohn 2 und Sohn 1 würden es mögen, wenn wir dekorationsmäßig mitrüsten würden. Nicht fehlen darf am Ende natürlich auch ein festlich geschmückter Weihnachtsbaum. Wie sagte Opa Hoppenstedt alias Loriot immer so schön: „Früher war mehr Lametta!“. Und die Bäume meiner Kindheit waren dazu noch mit echten Kerzen geschmückt. Denn unser Baum steckte in einem ganz besonderen Baumständer: Einer, der sich dreht und dabei Weihnachtslieder spielt. Sehr zum Missfallen meiner Oma, die jedes Jahr in ihrer Vorstellung den Vorhang und das ganze Wohnzimmer bereits lichterloh brennen sah. Sobald nur ein kleiner Funke einer Wunderkerze übersprang, rief sie zu meiner Mutter: „Maria, de Bohm brännt!“ In einem Jahr war sie derart aufgeregt, dass mein Bruder wortlos in den Keller ging, den Feuerlöscher mitbrachte und sich damit die komplette Zeremonie über direkt vor dem Baum postierte. Das war jetzt vielleicht nicht ganz so gemütlich wie sonst, aber zumindest meine Oma verbrachte zum ersten Mal eine stille Nacht.

Die Jungs haben es sich nicht nehmen lassen, auch diese Dekoration selbst zu basteln – in jedem Fall ein „einzigartiger“ Weihnachtsbaum.

Weihnachten duftet

Weihnachten hat für mich einen ganz besonderen Duft. Es ist ein warmer, einladender Duft nach Frieden und Familie (auch wenn beides erfahrungsgemäß nie und schon gar nicht an Weihnachten zusammen geht). Überall riecht es nach Zimt, Vanille, Nelken und Orangen. Besonders natürlich, wenn gerade eine Ladung frisch gebackener Plätzchen aus dem Ofen kommt. Als ich noch zu Hause bei meinen Eltern wohnte, glich die große Wohnküche die komplette Adventszeit über einer geschäftigen Plätzchenmanufaktur. Ich sehe es noch genau vor mir: Mein Opa, der mit seinen kräftigen Händen den antiken Fleischwolf mit Spritzgebäckaufsatz hält und dreht, stundenlang. Meine Oma, die die Sorte mit dem diskriminierendem Namen rollt und in Nüssen wälzt. Die ältere Schwester meines Opas, die anschließend mit zwei kleinen Löffeln das Gelee einfüllt. Meine Mutter, die in einer antiken Mappe nach dem nächsten Rezept sucht. Dass man älter wurde, erkannte man als Kind auch an den Aufgaben, die einem während des Backmarathons übertragen wurden. Die Kleinen durften dabei helfen, die Zutaten abzuwiegen. Die etwas Größeren durften beim Ausstechen behilflich sein. Die Großen durften sogar Spritzgebäck mit den Fingern weitertragen, vorsichtig auf dem Tisch ausbreiten, schneiden und auf Backblechen verteilen. Jeder in unserer Familie hat andere Vorlieben. Und jede und jeder erhebt einen Anspruch auf ihre und seine Lieblingssorte. Der eine mag eben Berliner Brot am liebsten, die andere Zimtsterne, wieder ein anderer Kokosmakronen, und so fort. Bei mir persönlich, so viel sei verraten, ist es übrigens das Spritzgebäck. Heute sind nur noch meine Eltern übrig, die tapfer zu zweit den Dezember über eine Sorte nach der anderen backen. Und käme eines von uns Kindern nach Hause und fände die Lieblingssorte nicht in der großen Plätzchendose auf dem Beistelltisch vor – gar nicht auszudenken.

In der Adventszeit schieben sich Scharen von Touristen über den Trierer Hauptmarkt. Hier habe ich offensichtlich einen eher ruhigen Abend unter der Woche erwischt.

Weihnachten klingt

Weihnachten hat für mich einen ganz besonderen Klang. Und nein, auch wenn ich inzwischen seit einigen Jahren hier in Trier wohne, meine ich damit nicht Guildo Horns traditionelles Weihnachtskonzert in der Europahalle, mag dieses auch für den alteingesessenen Trierer, wie ich mir habe sagen lassen, das Weihnachtsfest erst so richtig einläuten. Das besondere Weihnachtsgefühl stellt sich bei mir auch dann nicht ein, wenn Sohn 2 und Sohn 1 Rolf Zuckowskis Weihnachtsbäckerei vergewaltigen. (Gott sei Dank sind wir ansonsten übrigens ein Rolf Zuckowski-freier Haushalt, darauf lege ich Wert. Ich bin mir sicher, häusliche Gewalt könnte mit diesem Verbot vielerorts von Beginn an vermieden werden.) Die Weihnachtszeit beginnt für mich persönlich dann, wenn ich aus dem Schrank das alte Klavieralbum hervorhole, welches mir meine Oma vererbt hat. Es enthält alle traditionellen deutschen Weihnachtslieder, und über den Notenhälsen finden sich teilweise sogar noch die handgeschriebenen Fingersätze meiner Oma. Dann setze ich mich alleine ans Klavier, beginne auf der ersten Seite mit „Stille Nacht, heilige Nacht“ und spiele das komplette Album durch bis zur „Weihnachtsphantasie“ auf den letzten Seiten. Dann tauchen Erinnerungen an Weihnachtsabende auf, an denen meine Oma noch selbst am Klavier saß und uns beim Singen begleitete. Dank meiner Mutter kenne ich übrigens sämtliche Strophen sämtlicher Lieder. Könnt ihr euch vorstellen, wie es sein muss, wenn die Bescherung erst nach der sechsten Strophe von „Ihr Kinderlein kommet“ beginnt? Ich ahne es schon. In diesem Jahr werde ich die Jungs ebenfalls dazu zwingen, sämtliche Strophen durchzusingen – Stichwort Generationengerechtigkeit. Eine ganz besondere musikalische Erinnerung habe ich übrigens an einen Vorweihnachtsabend vor 15 Jahren. Damals lag meine Oma in ihrem Krankenbett, unfähig zu sprechen, zu essen, zu trinken. Wir alle wussten, dass es mit ihr zu Ende gehen würde. Ich nahm ihr Album, setzte mich ans Klavier und spielte und spielte. Ich bildete mir ein, dass ihre Augen strahlten und um den Mund herum ein kleines Lächeln zu sehen war. Das letzte Lied, das ich für sie gespielt habe, heißt „Weihnacht, oh Weihnacht“. Ich füge einen kleinen Ausschnitt daraus als Audioaufnahme an – mein ganz persönlicher Weihnachtsgruß an euch:

Dieses Klavieralbum habe ich von meiner Oma geerbt. Noch heute spiele ich daraus jedes Jahr, während der Rest der Familie dazu singt.