„Kentucky Fried Chicken Banzai!“ oder Wie Weihnachten nach Japan kam

Einsam wartet Colonel Sanders auf Weihnachten. Das Foto schoss Tim Janssen, ebenfalls Austauschstudent aus Trier, im Stadtteil Kodaira.

Lametta schmückt landesweit die Konbinis und „Last Christmas“ tönt aus jedem zweiten Lautsprecher. Verliebte Pärchen besuchen Illuminationen und lange Schlangen bilden sich vor Kentucky Fried Chicken. Richtig gelesen: Was bei uns die Weihnachtsgans ist, ist in Japan ein vorbestellbares Menü bei Kentucky Fried Chicken. Und es hat Tradition.

Weihnachten in Japan ist nicht für alle Bewohner des Landes angenehm. Vor allem meine popkulturaffineren Bekannten trauen sich am 24. Dezember kaum auf die Straßen. Denn die sind überfüllt mit Riajū. So nennt man hier junge Menschen, die Sex haben. Ja, es gibt sie wirklich. Auch wenn die Lust an der angeblichen Lustlosigkeit in japanischen Schlafzimmern in der deutschen Presse ungezügelt Blüten schlägt (siehe FAZ, siehe Gegendarstellung). „Fest der Liebe“. Das wird in Japan wörtlich genommen, und wer keinen Partner an Weihnachten hat, entlastet sich seines Überdrusses meist scharfzüngig auf Twitter oder 2chan (jap. Vorgänger von 4chan). Aber wie verbringen Familien Heiligabend, wenn der Spaß den Pärchen vorbehalten ist? Eine amerikanische Fast-Food-Kette gab die Antwort vor. Seit 1974 heißt es in Japan: „Chicken Christmas! Kentucky Christmas!“

10.000 Jahre Glück für fettiges Fingerfood

Wir schreiben das Jahr 1970. Weltausstellung in Osaka. Japan heißt die Welt willkommen. Okamoto Taro präsentiert seinen gewaltigen „Turm der Sonne“. Und irgendwo auf dem riesigen Ausstellungsgelände läuft Kentucky Fried Chicken (KFC) den ersten Testlauf in Japan. Zu diesem Zeitpunkt gelang es nur wenigen ausländischen Unternehmen in der japanischen Wirtschaft, Fuß zu fassen. Zwei Männer sollten das ändern. Der Erste hieß Roy Weston. Der ehemalige IBM-Mitarbeiter setzte sich mit den Gepflogenheiten und Ritualen der hiesigen Wirtschaft auseinander. Er erkannte, dass die Anstellung auf Lebenszeit für Japaner eine selbstverständliche Beschäftigungsform war (ach, die 80er). Im Gegenzug dafür erhielt das Unternehmen die Loyalität der Mitarbeiter. Mit Westons Worten: „I don’t work for KFC, I belong to KFC.” Er ließ nichts unversucht. Zum Beispiel wurde auf jährlichen Shintō-Zeremonien der verstorbenen Seelen von zwanzig Millionen Hühnchen gedacht. Außerdem gehörten Massengelage mit den Besitzern der japanischen Filialen zur Vertrauensbildung dazu. So kam es zu folgender Szene: Roy Weston steht also in einem riesigen Trinksaal, umringt von ca. vierzig japanischen Anzugträgern, seine Arme weit ausgestreckt, Knie leicht gebeugt, vermutlich angetrunken, und rief zur Feier lautstark: „Kentucky Fried Chicken Banzai! Banzai! Banzai!“ Fröhlich wurden die Banzai-Rufe (jap. Glück für 10.000 Jahre) erwidert und beklatscht. Man muss es gesehen haben, um es zu glauben.

„Wir sprechen von aristokratischer Eleganz“

Damit ist zum Teil erklärt, wie KFC eine feste Marke im japanischen Stadtbild werden konnte, aber noch nicht, was das mit Weihnachten zu tun hat. Ich bitte um etwas Geduld. Das Image von KFC ist ein anderes als im Herkunftsland USA oder in Europa. Nicht als „Fast Food“, sondern als „Fashion Food“ wurden die dampfgegarten Hühnchenteile verkauft. Westliche Marken gelten in Japan oft als chic und modern, selbst Fingerfood. Als Roy Weston der Werbeclip einer japanischen Agentur für das Unternehmen gezeigt wurde, blieb dieser skeptisch: Die Botschaft in Amerika sei, KFC von seinem Junkfood-Image zu befreien. Was wolle aber der japanische Werbespot vermitteln? Zuversichtlich antwortet ein Herr der Werbeagentur in makellosem Englisch: „This takes it a step farther. We’re talking about aristocratic and elegant food.“ Erst als er die positiven Ergebnisse der Zuschauerbefragung sah, gab Weston nach und stimmte der Ausstrahlung zu. „Aristokratische Eleganz“ als Bezeichnung für die würdelosen Hühnchenfresseimer mag befremdlich klingen, aber der Erfolg heiligt das Marketing. Zumindest erscheint nun die Existenz einer KFC-Weihnachtstradition in Japan weit weniger absurd.

Weihnachtsbeleuchtung im Stadtteil Hibiya

46 Milliarden für Weihnachtshühnchen

Womit wir beim zweiten Mann wären: Okawara Takeshi, der von 1984 bis 2002 Vorsitzender von KFC Japan war. Als er zufällig zwei Ausländer klagen hörte, dass sie in Japan keinen Truthahn zu Weihnachten bekämen, entschloss er 1974 eine Werbekampagne zu starten. Statt Truthahn sollte es panierte Hähnchenteile geben. Seitdem sind Weihnachten und KFC in Japan untrennbar miteinander verbunden. Jedes Jahr kann man eines der heiß begehrten Weihnachtssets vorbestellen. Umgerechnet 46 Milliarden Euro Umsatz machte das Unternehmen zwischen dem 23. und 25. Dezember 2017. Dennoch verliert KFC nach und nach seine dominante Stellung. Noch vor Jahren hieß es, man müsse Monate im Voraus bestellen, um ein Weihnachtsset zu ergattern. Aber der Führungsanspruch auf dem Markt der Weihnachtshühnchen ist heftig umkämpft. Konbinis und andere Fast-Food-Ketten machen KFC Konkurrenz. Günstig sind deren Weihnachtsangebote nämlich nicht. Für grob 31 Euro gibt es einen Weihnachtseimer gefüllt mit acht Hähnchenteilen, einem Weihnachtssalat und einer Schokoladentorte. Es gibt sogar KFC-Weihnachtswein. Ich frage mich, wie die drei Portionen im Eimer gestapelt sind und bin versucht auf der Internetseite zu bestellen, aber es ist schon alles ausverkauft.

„Ja und? Nur weil eine Fast-Food-Kette Werbung schaltet, werden doch nicht alle kritiklos dem Trend folgen?“ Mag jetzt der deutsche Leser denken, der sich erst in Kapitalismuskritik eindeckt, um sich dann die Geschenke um die Ohren zu werfen. Wieland Wagner, Asienkorrespondent beim Spiegel, beschreibt die Offenheit für wechselnde Moden in Japan wie folgt: „Der Konsum ist das Vehikel, über das die Japaner am öffentlichen Leben teilnehmen. Die Freizeit, oder das was sie darunter verstehen, vertreiben sie sich im Rhythmus der Werbekampagnen.“ Die christliche Religion spielt in Japan kaum eine Rolle und eine Weihnachtstradition gibt es folglich auch nicht. Wie Halloween in Deutschland ist auch Weihnachten in Japan nur ein importiertes Event, um eine weitere Marktlücke zu schließen.

Ein Weihnachtsbaum in der Nähe der Universität Waseda

Der omnipräsente Colonel

Zurück auf den Straßen in Tokio. Ist es der Weihnachtsmann, der mir vom anderen Ende der Seite entgegenlächelt? Oder hat man Miyazaki Hayao in ein Weihnachtskostüm gesteckt? Nein, es ist Colonel Sanders, eine lebensgroße Statue, die dem KFC-Gründer Harland Sanders nachempfunden ist. Das Jahr über in einem weißen Anzug gekleidet und über Weihachten in Rot ziert er jeden KFC-Ableger in Japan. Diese Idee geht auf Weston zurück, der eine verstaubte Statue des Colonels in den USA fand, bevor er nach Japan ging. Er pflanzte diesen als Alleinstellungsmerkmal der Kette dauerhaft ins Stadtbild und somit ins kollektive Gedächtnis des Landes. Ein Zeichen für Beständigkeit inmitten des stetigen Wandels. Die „Präsenz des Colonels wurde so selbstverständlich wie Luft“ heißt es in einer Werbung von KFC Japan aus dem Vorjahr. Übrigens, in Murakami Harukis Roman „Kafka am Strand“ tritt Colonel Sanders als Figur auf, unter anderem als Zuhälter. Aber das ist eine ganz andere Geschichte. Oder auch nicht? Für viele junge Pärchen endet der Heilige Abend in einem der vielen Love Hotels in den Rotlichtvierteln der Stadt. Die Zimmer werden wahrscheinlich auch dieses Jahr genauso schnell ausgebucht sein wie die Weihnachtssets bei KFC. Und damit Banzai und fröhliche Weihnachten!

 

PS: Wer Lust auf mehr bekommen hat, dem empfehle ich diese kurze Dokumentation aus dem Jahr 1981, die wichtigste Quelle für diesen Beitrag.

 

 

 

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