There is a door in my room…

Seit nunmehr vier Wochen treibt mich die Unwissenheit umher. Jetzt halte ich es nicht mehr länger aus. Was ist auf der anderen Seite? Vielmehr: Wer ist auf der anderen Seite? Kann er oder sie mich hören? Oder was ist, wenn dort niemand ist, meine Suche vergebens, meine Fragen grundlos, zwecklos, haltlos? Was lauert dort im Dunklen? Jesus stellt mich vor ein Rätsel…

Ich habe gerade gegessen, verlasse die Kellerküche und gehe die Stufen hinauf in Richtung meines Zimmers. Das Kochen und Essen haben mich kurzfristig abgelenkt, dennoch kreisen meine Gedanken weiter in meinem Kopf. Ich gehe durch den Flur im Erdgeschoss, versuche, den Blick nicht nach links zu wenden, nicht zum anderen Treppenhaus zu schauen. Und darüber zu spekulieren, was dort verborgen sein könnte. Meine Füße tragen mich weiter zum rechten Treppenhaus, doch mein Geist ist nicht bei mir. Langsam schließt er mit mir auf, flüstert mir leise zu. Dann übermannt mich die Neugier. Auf halber Höhe mache ich kehrt, gehe hinab ins Erdgeschoss und wage meinen Weg ins andere Treppenhaus. Seit nunmehr vier Wochen treibt mich die Unwissenheit umher. Jetzt halte ich es nicht mehr länger aus. Was ist auf der anderen Seite? Vielmehr: Wer ist auf der anderen Seite? Kann er oder sie mich hören? Oder was ist, wenn dort niemand ist, meine Suche vergebens, meine Fragen grundlos, zwecklos, haltlos? Was lauert dort im Dunklen? Jesus stellt mich vor ein Rätsel…

Zimmer 18

Mein Zimmer in der Ship Street ist gewissermaßen geräumig. Es ist auf jeden Fall großzügiger und in besserem Zustand, als ich es erwartet hatte. Nachdem ich bereits 2012/2013 für etwa neun Monate in einem klassisch englischen Haus gelebt hatte (und mittlerweile einige Häuser vieler britischer Freund*innen von innen gesehen habe), rechnete ich für mein Jahr in Oxford mit dem Schlimmsten. Also natürlich keine Albtraumvision wie aus TRAINSPOTTING, aber definitiv schimmlig, eng und beklemmend. Und keineswegs komfortabel, gemütlich und ordentlich isoliert. Glücklicherweise, wie sich beim Betreten meines zukünftigen Domizils herausstellen sollte, lag ich bei zumindest zwei meiner drei Vorurteile komplett daneben.

Ich habe ein angemessen großes Bett, einen ordentlichen Schreibtisch, einen für meine Bedürfnisse mehr als ausreichend großen Schrank, ein Waschbecken, ein kleines Regal, einen Nachttisch und einen relativ komfortablen Stuhl, den ich aber zumeist bloß als Depot für meine getragene-aber-noch-nicht-allzu-stinkig-schmutzige Wäsche gebrauche. Außerdem habe ich eine zusätzliche, rätselhafte Tür in der hinteren rechten Ecke meines Zimmers. Doch dazu später mehr.

Mein Zimmer in der Ship Street mit zusätzlicher, rätselhafter Tür…

Das Haus teile ich mir mit insgesamt 22 anderen postgrads. Es gibt zwei voneinander getrennte Treppenhäuser mit je vier Etagen, auf denen sich Zimmer und Badezimmer (meist eins pro Etage, auf meiner sind es zwei) verteilen. Die Haustür hereinkommend befindet sich mein Zimmer im rechten Treppenhaus. Dort kenne ich mittlerweile alle meine Mitbewohner*innen. Das kann ich nicht vom anderen Treppenhaus behaupten.

Im Erdgeschoss und im Keller befindet sich jeweils eine gut ausgestattete Küche. Ich teile mir die größere der beiden Küchen (die im Untergeschoss) eigentlich nur mit Laura und Huw. Die kleinere Küche im Erdgeschoss teilen sich gemäß dieser Rechnung knapp zwanzig Leute. Wahrscheinlicher ist, dass viele einfach nicht selbst kochen.

Das Haus ist immer lebendig, auf Gedeih und Verderb. Bei jedem Gang nach draußen treffe ich Leute, mit denen ich mich spontan verabreden oder einfach nur kurz schnacken kann. Auf der anderen Seite ist es meist schwer, zur Ruhe zu kommen, wenn pausenlos irgendwo eine Tür knallt oder andere Geräusche durch die dünnen Wände dringen. Das Ganze hat also ziemlichen Wohnheimcharakter. Naja, zugegeben: ich habe nie im Wohnheim gelebt. Das einzige Wohnheim, das ich jemals von innen gesehen habe, war das auf dem Umweltcampus in Birkenfeld, als ich mal Stefan besucht habe. Im Gegensatz dazu ist unser Haus in der Ship Street ein Palast – no offense, Birkenfeld. Aber das hat auch seine Gründe.

„Housekeeping!“

Jeden Tag, ausgenommen Samstag und Sonntag, klopft es irgendwann zwischen 10 und 12 Uhr an jeder der 23 Türen in unserem Haus in der Ship Street, gefolgt von einem freundlichen, aber bestimmten „Housekeeping!“. Danach hat jede*r Ship Street Bewohner*in etwa fünf Sekunden Zeit, die Zimmertür zu öffnen, oder zumindest verbal zu reagieren, bevor der Klopfer seinen Universalschlüssel benützt und selbst die Türe öffnet. Streng genommen ist verbal zu reagieren vollkommen zwecklos – der Klopfer betritt so oder so nach fünf Sekunden den Raum. Die Schonfrist ist lediglich eine Geste der Höflichkeit, die das Unweigerliche bloß für einen klitzekleinen Moment hinauszögert. Man ist also nach dem Klopfen besser beraten, sich hastig noch eine Decke oder notgedrungen auch ein Handtuch überzuwerfen, sobald man Klopfen und „Housekeeping!“ vernimmt, um Größte Anzunehmende Unannehmlichkeiten zu vermeiden.

Das klingt zunächst einmal schlimmer als es ist und ist natürlich im Grad der Unbehaglichkeit davon abhängig, wer genau klopft. In meinem Fall ist der Klopfer Martino. Martino ist scout des Jesus College. Das bedeutet, dass er vom College angestellt ist, um die Zimmer und gemeinschaftlichen Räumlichkeiten der Collegeunterkünfte sauber und in Schuss zu halten. Dafür kommen er und seine Kollegen täglich in jedes einzelne Haus und in jedes einzelne Zimmer, saugen die Teppichböden, reinigen die Badezimmer und Küchen, lüften die Treppenhäuser, leeren alle Mülleimer. Das College bewirbt das als Service, der alle Studierenden und Promovierenden darin unterstützen soll, sich voll und ganz auf die eigene Arbeit zu konzentrieren; sprich, das alltäglich Profane auszublenden. Gleichzeitig ist das aber natürlich auch ein wirksamer Kontrollmechanismus, der das College täglich darin rückversichert, dass mit, beziehungsweise in dem wertvollen Eigentum kein Unfug getrieben wird.

Persönlich empfinde ich Martinos tägliche Besuche zunächst als empfindliche und vor allen Dingen unerwünschte Eingriffe in meine Privatsphäre. Zumal ich nicht wirklich weiß, wie ich damit umgehen soll, dass plötzlich jemand dafür zuständig ist, meinen Müll aus meinem Zimmer zu räumen und mir hinterherzuputzen. Eigentlich habe ich vor etwa 15 Jahren gelernt, dass ich das selbst zu verantworten habe. Aber sei es drum, ändern kann ich es nicht und man gewöhnt sich ja mit der Zeit an alles. Außerdem hätte es mich, wie gesagt, schlimmer treffen können. Denn Martino ist ein echt netter, ulkiger Typ und wir verstehen uns prima.

Wenn Martino also morgens in mein Zimmer kommt und ich mich dazu entschieden habe, von zuhause aus zu arbeiten und nicht in eine der Bibliotheken zu gehen, begrüßen wir uns, und während er seiner Dinge verrichtet, bleibt er gerne ein Weilchen länger für ein Schwätzchen. Amüsiert schüttelt er dann den Kopf über die Unmengen Kaffee, die ich mir über die Dauer eines Tages zubereitet und einverleibt habe, wir quatschen kurz über seine oder meine Pläne für den Tag, über Gott und die Welt, und natürlich über Jesus.

Irgendwann, nach etwa drei Wochen in Oxford, kommt mir der Gedanke, Martino bei unserem morgendlichen Plausch zu meiner zusätzlichen, rätselhaften Tür zu befragen. Seit Tagen lässt mich nämlich der Gedanke an die Tür nicht mehr los und ich verharre jede Nacht vor dem Einschlafen einen Moment lang und starre stutzig in die Dunkelheit auf meine zusätzliche, rätselhafte Tür. Eigentlich seltsam, dass mich der geheimnisvolle Ursprung und der für mich nicht ersichtliche, schleierhafte Zweck der Tür so plötzlich in ihren Bann gezogen haben. Denn, ehrlich gesagt, die Tür habe ich in den ersten Tagen nach meiner Ankunft gar nicht wirklich bemerkt. Nach dem Abschied aus Deutschland und den vielen, verwirrenden neuen Eindrücken in Oxford hat mein Hirn wohl beim Erfassen meines neuen Zimmers das Unverständliche oder potenziell Überflüssige radikal herausgefiltert, mich einfach nicht wahrnehmen lassen. Anders kann ich mir nicht erklären, wie ich die Tür übersehen konnte. Vielleicht bin ich auch einfach nicht so aufmerksam, wie ich es von mir selbst glaube. So oder so, nach einigen Tagen und Nächten in meinem Zimmer merke ich also auf einmal: „Hey! Da ist ja eine extra Tür in meinem Zimmer. Merkwürdig. Was die wohl soll?“

Die Tür im Profil.

Eine erste, zögerliche Inspektion der Tür meinerseits ergibt wenig Aufschlussreiches. Die Tür ist verriegelt, der Türknauf und der Schlosskasten wurden entfernt, die Öffnung der Lochung wurde mit einer Klappe verhüllt.[1] Kurzum: keine Chance, das Portal zu öffnen oder herauszufinden, wohin es führt. Ich horche mit dem Ohr an der Tür – vorher ziehe ich die Vorhänge zu, aus Angst, man könnte mich bei meinem peinlichen Schnüffelabenteuer beobachten – und vernehme: nichts. Keine Stimmen auf der anderen Seite, keine brummenden Geräusche oder was auch immer ich erwartet hatte. Die Tür ist ein Rätsel. Einen zusätzlichen Wandschrank schließe ich aus, warum sollte der verriegelt sein? Ein airing cupboard, etwas typisch Britisches, kommt für mich ebenfalls nicht infrage, da weder Boiler noch Waschräume in der Nähe sind (und airing cupboards für gewöhnlich eher im Erdgeschoss zu finden wären).

Also erkundige ich mich bei Martino. Der kennt das Haus ja schließlich bestens. Ich teile ihm meine Entdeckung und deren für mich unergründlichen Zweck mit und bringe ihn gleich auf den neuesten Stand meiner Ermittlungen. Vielleicht vergreife ich mich dabei etwas im Register meiner Wortwahl, denn bei Martino entsteht nach meinen Schilderungen seltsamerweise der Eindruck, ich sei ernsthaft besorgt, ja gar verängstigt, was sich dort hinter meiner zusätzlichen, rätselhaften Tür befände. Er verkneift sich zunächst ein Lächeln, das mir mitteilt, dass auch er es reizend naiv von mir findet, dass es mich etwas mehr als drei Wochen gebraucht hat, bis ich die Tür überhaupt bemerkt habe, und jetzt deswegen ein solches Theater mache. Dann aber wird er ernst und gesteht mir, dass auch er leider nicht genau wisse, welchen Ursprung oder Sinn meine zusätzliche, rätselhafte Tür habe, er mir aber aus tiefstem Herzen versichern möchte, dass ich hier sicher sei und kein Boogeyman hinter der Pforte auf mich lauerte. Schließlich sei ich hier im Jesus College, und damit in Jesus‘ Obhut. So lerne ich zumindest ganz nebenbei, dass Martino sehr gläubig ist. Abschließend empfiehlt mir Martino, falls mich Jesus‘ schützende Hand nicht vollends beruhigen sollte, mich doch bei Gelegenheit bei der Hausverwaltung zu erkundigen, was es mit meiner zusätzlichen, rätselhaften Tür auf sich habe. Die sollten in den nächsten Tagen für einen Probefeueralarm im Haus sein.

„There is a door in my room.“

Wenige Tage später um 7.30 Uhr morgens werde ich jäh von ohrenbetäubendem Lärm geweckt. Ein infernalisch lautes Fiepen durchdringt das Haus und fährt durch alle meine Glieder. Martino hatte mich zwar gewarnt, dass der Alarm stattfinden sollte, nichtsdestotrotz bereitet mich das nicht annähernd auf den peinigenden Schmerz des rücksichtslosen Aus-den-Federnschmeißens der Hausverwaltung vor. Alle Hausbewohner*innen werden genötigt, ohne Umwege und unmittelbar das Gebäude zu verlassen und auf der Straße zu warten, bis das Gebäude bis auf die letzte Person erfolgreich Probe evakuiert wurde. Wenigstens teile ich mein Leid mit etwa zwanzig anderen Leuten, die ebenfalls schlotternd in Unterwäsche oder im besten Fall noch in eiligst angezogenen Jogginghosen an diesem kalten Oktobermorgen gemeinsam mit mir in der Ship Street stehen. Es vergehen einige Minuten des Wartens in gereizter Unwissenheit, warum man uns nicht zurück ins Gebäude, sondern zitternd auf der Straße stehen lässt. Dann fällt uns auf, dass Eddie und Diana fehlen. Die waren letzte Nacht feiern und brauchen wohl eine extra Einladung der Hausverwaltung, bis auch sie ihr Bett im obersten Stock verlassen und mit etwa 15-minütiger Verspätung vor dem Haus eintreffen, wo sie ein verhalten dankbares Publikum aus frierenden Mitbewohner*innen empfängt.

Noch eine Tür. Aber nicht ganz so zusätzlich und rätselhaft. Führt ins College. Glaub ich…

Nachdem sich der Trubel gelegt hat, schnappe ich mir dann tatsächlich einen Mitarbeiter der Hausverwaltung und befrage ihn zu meiner zusätzlichen, rätselhaften Tür. Zunächst weiß er nicht wirklich, was ich meine und hält mich wahrscheinlich für bekloppt. Zugegeben, meine einleitende Bemerkung bedarf definitiv etwas Überarbeitung:

„Excuse me, could I briefly ask for your assistance? There is a door in my room and I don’t know what it’s for.“

Der Mitarbeiter der Hausverwaltung neigt skeptisch den Kopf zur Seite, befürchtet wohl, ich habe zu lange in der Kälte gestanden, so einen offensichtlich-blöden Nonsens von mir zu geben. Schließlich aber folgt er mir auf mein Zimmer und ich zeige ihm die sagenumwobene Tür.

„Ah, ok, I understand. Well, don’t worry about it. That‘s a Jack and Jill-door. Or at least that’s what it used to be in the olden days…“

Weiterhin erklärt er mir, dass zur Bauzeit des Hauses, also irgendwann im 17. Jahrhundert, die Tür eine Art geschlechtertrennenden Zweck vollführte (welch riesengroße Ironie des Schicksals also, dass ich jetzt hier drin meine Doktorarbeit schreibe). Im anderen Treppenhaus, so erläutert er, befände sich auf derselben Etage ein an mein Zimmer anliegender Raum mit einer korrespondierenden Jack and Jill-door. Wahrscheinlich würde dort gerade einer meiner Kommiliton*innen leben. Zwischen beiden Türen gäbe es einen kleinen Verbindungsgang, durch welchen, im ursprünglichen Sinne, die durch die beiden Türen getrennten Parteien sich des Nachtens und mit gegenseitigem Einverständnis besuchen konnten. Der Mitarbeiter der Hausverwaltung versieht das Wort besuchen mit gestikulierten Anführungszeichen und zwinkert mir gewollt komisch zu. Ich lächle verlegen. Ich solle mir aber keine Sorgen machen, fährt er hastig fort, denn schon damals seien die Türen so konzipiert gewesen, dass sie sich lediglich von der eigenen Seite öffnen ließen. Ein Aspekt, der jetzt quasi obsolet sei, da die Türen ohnehin fest verriegelt wären und nur die Leitungskraft der Hausverwaltung noch einen Schlüssel dafür habe. Auf meine Nachfrage, ob er denn womöglich wisse, wer gerade das Zimmer auf der anderen Seite meiner Tür bewohnte, kann er mir keine Auskunft geben. Das müsse ich schon selbst herausfinden.

Ermittlungsphase I: Befragung

Die folgenden Tage ringe ich mit mir selbst. Auf der einen Seite möchte ich wissen, wer auf der anderen Seite lebt, und ob er oder sie sich womöglich dasselbe fragen wie ich. Auf der anderen Seite möchte ich nicht zu vorwitzig rüberkommen, oder gar spionierend. Der Ruf ist ja bekanntlich schnell ruiniert. Ich frage die Mitbewohner*innen auf meiner Seite des Treppenhauses, ob sie zufällig von jemandem von der anderen Seite gehört hätten, der oder die vor einem ähnlichen Mysterium stünde wie ich, schließlich, so sagen manche, sollen sich Gerüchte in Oxford ja rasend schnell verbreiten. Doch niemand weiß etwas, niemand hat etwas Zweckdienliches gehört.

Jemand schlägt mir vor, Kontakt mit der anderen Seite aufzunehmen. Es sei ja bald Halloween. Im Sinne des Feiertags könne ich mir doch einen gruseligen Scherz erlauben. Beispielsweise eine Notiz mit den Worten „I know what you did last night“ unterhalb meiner Tür durchschieben; in der doppelten Hoffnung, dass die Nachricht einerseits auf der anderen Seite ankommt und andererseits dort nicht ungewollt zu einem Herzinfarkt führt. So verlockend mir diese Idee auch scheint, das Risiko scheint mir zu groß, eine mir noch unbekannte oder vielleicht gar unwissend bekannte Person möglicherweise nachhaltig zu verprellen, insbesondere, da ich bereits bei anderen Anlässen gemerkt habe, dass mein manchmal niveauflexibler, öfters leider unüberlegter und nicht immer streng politisch korrekter Humor nicht jedermanns Sache ist.

Mir schwant, dass ich mich, wenn ich das Rätsel ein für alle Mal lösen möchte, ich mich wohl oder übel auf handfeste Detektivarbeit, wie ich sie bei den Drei Fragezeichen gelernt habe, verlassen muss: Klinkenputzen. Einzig fehlt mir dazu noch der Mut.

Ermittlungsphase II: Erkundung

Waren die Pilze in meiner Pasta-Sauce noch gut? Kann man von abgelaufenen Champignons high werden? Aber was sonst hat mich bloß geritten, auf halbem Weg zu meinem sicheren Zimmerchen noch einmal umzudrehen und mich dem Rätsel des anderen Treppenhauses zu stellen? Alles sieht so anders aus auf dieser Seite. Ist das the upside down aus STRANGER THINGS? Fehlt nur ein Monster mit Venusfliegenfalle als Kopf. Ich fühle mich auf jeden Fall, wie der putzige Lockenkopf mit der Zahnlücke: entschlossen, das Rätsel zu lüften, mich dem Mysterium zu stellen, aber doch irgendwie dem Ausmaß der Gesamtsituation nicht wirklich gewachsen und für alle etwaigen Hindernisse unvorbereitet.

Der Bewegungsmelder reagiert auf mein Heranpirschen. Es wird hell auf der anderen Seite. Ich steige die Treppe hinauf, biege auf der ersten Etage rechts ab, stehe vor einer weiteren Tür, die das Treppenhaus von den Zimmern der jeweiligen Etage trennt. Ich versuche mich im räumlichen Denken, gebe mein Bestes, mir den Grundriss des Gebäudes vor meinem inneren Auge zu vergegenwärtigen, um den mit meinem Zimmer korrespondierenden Raum zu finden. Plötzlich tippt mir jemand von hinten auf die Schulter.

Ein großer, kräftiger Endzwanziger mit braunem Rauschebart steht mir gegenüber und blickt mich skeptisch an, fragt mich, ob ich hier wohne und ob er mir behilflich sein könne – „bei was auch immer du hier verloren hast,“ fügen seine Augen hinzu.

Ich fühle mich ertappt. Doch wobei eigentlich? Ich habe nix verbrochen. Ich bin doch bloß auf der anderen Seite des Treppenhauses, wo ich zwar nicht wohne, aber doch ein Recht habe, mich aufzuhalten. Schließlich gehört es ja noch zum Haus. Und das ist ja für alle. Und außerdem könnte ich ihn ja dasselbe fragen. Das machen die Leute immer in den Filmen. Aber wahrscheinlich käme das blöd, da er ja wohl tatsächlich hier wohnt und es daher einen Sinn hat, warum er gerade hier ist. Oh Gott, was, wenn er auf der anderen Seite meiner zusätzlichen, rätselhaften Tür wohnt?

Mein Schweigen und mein Gesichtsausdruck, der verrät, dass ich gerade angestrengt nachdenken muss, verbessern meine Lage nicht wirklich. Ich entschließe mich, etwas zu sagen, bevor der Rauschebart die Geduld verliert und mich vollends als Deppen abstempelt. Irgendwas sagen also. Irgendwas.

„There is a door in my room and I don’t know what it’s for.“

Nicht schon wieder. Ich hätte besser nichts gesagt. Diesmal versuche ich, direkt zu spezifizieren:

„I’m here now trying to investigate which room the door might be connected to.“

Ob es das jetzt besser gemacht hat? Der Rauschebart blickt mich an, sichtlich verwirrt, ja, er stempelt mich vollends als Deppen ab. Er atmet ein, kneift die Lippen zusammen, hebt seine Augenbrauen: „Well, good luck with that.“

In diesem Moment erwarte ich, dass er sich abwendet und zu seinem Zimmer weitergeht. Stattdessen bleibt er aber wie angewurzelt stehen. Offenbar erwartet er von mir, dass ich mich verkrieche. Er hält mich wohl für einen potenziell gefährlichen Deppen, den man besser nicht allein in seiner Seite des Hauses haben möchte. Denkt er, das sei wohl sein Revier, auf dem ich gerade streune? Kann es ihm verübeln? Resigniert mache ich kehrt, verlasse das Treppenhaus, kehre in mein Zimmer zurück und beschließe, die Sache auf sich beruhen zu lassen. Manche Dinge soll der Mensch einfach nicht wissen. Manche Türen, und seien sie noch so zusätzlich und rätselhaft, müssen wohl ungeöffnet bleiben.

Heureka

Etwa zwei Wochen später. Ich sitze bei einem der vielen formal dinner in der hall, in Erwartung des Desserts. Gegenüber sitzen Anna und Luke. Die meiste Zeit während des Essens habe ich mich vertieft mit den beiden unterhalten und kaum Gesprächsfetzen von links oder rechts aufgeschnappt. Doch plötzlich fällt rechts neben mir ein Stichwort, das mich aufhorchen lässt: Eine Studentin berichtet von der, ihrer Ansicht nach, ziemlich altertümlichen Ausstattung ihres Zimmers in der Ship Street. Sie hegt den nicht unbegründeten Verdacht, dass das College wohl Mitte der 70er Jahre einen Jahrhundert-supply an Gardinen und Möbeln gekauft haben muss, damit für den Fall, dass etwas ersetzt werden muss, ein quasi identisches Modell unauffällig nachbestückt werden kann.

Gerade schiebe ich mir ein zu groß geratenes Stück Applecrumble in den Mund, als ich Abdul daraufhin erwidern höre: „What? You call that weird? I have a door in my room and I have no idea what it’s for!“

 

[1] Ich übernehme keine Gewähr für die Richtigkeit meines Türkomponenten-Vokabulars… Mein Vater ist zwar gelernter Schlosser, mein Wissen über die Bestandteile eines Türschlosses stammt aber ausschließlich aus einer zweiminütigen Google-Recherche.

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