Jesus MCR Football, oder: Helden aus der zweiten Reihe

Hallowed Ground

Dunstschwaden ziehen über das heilige Grün, in ihnen schlummern die Erinnerungen vergangener Schlachten. Hallowed turf, eisige Morgenluft. Ein letzter Atemzug. Dann geht es los. Jesus MCR Football…

Sich sportlich, musikalisch oder sonst wie sozial neben den Studien zu beschäftigen ist ziemlich unkompliziert in Oxford. Für jede Nischensportart gibt es irgendeine society, für jedes noch so aberwitzige Hobby irgendeinen Club. Meine Ansprüche, eine für mich passende society zu finden, sind im Vergleich zu denen meiner Kommiliton*innen aber verhältnismäßig bescheiden und wenig abenteuerlustig. Während sich einige im Polo, andere im Chor, wieder andere im Tischtennis, Bahnradfahren, Hallenhalma oder sonstigen Clubs ausprobieren wollen, bleibe ich vorsätzlich-schusterlich bei meinen Leisten – und melde mich beim Postgraduierten-Fußballteam des Jesus College an: dem Jesus College MCR Football-Team (MCR = Middle Common Room, die Körperschaft aller Postgraduierten). Meine eintägige Eskapade bei den Oxford Lancers – dem, wie sich herausstellt, doch recht professionellen American Footballteam der University of Oxford – ist vielleicht der Stoff für eine andere Geschichte. Nur so viel sei gesagt: ein dreißigjähriger, indifferenter Haufen Haut, Knochen und Schwabbel ohne jegliche Trainings- oder Spielerfahrung wie ich, so stellte sich unüberraschend schnell heraus, war nicht exakt das Material, nach dem die Coaches der Lancers bei ihrer dreistündigen rookie tryout session gesucht hatten…

Ein Topathlet in Aktion: definiert, zielstrebig, geboren für den Sport. Und rechts irgendso ein Wide Receiver der Oxford Lancers.

Fußball also. Meine bittersüße Leidenschaft. Auch wenn ich gerne bei Gesprächen platziere, dass ich nur deshalb lediglich noch in Hobbymannschaften spiele, weil mir das übertrieben ernste, kompetitive Element des Spiels und der dauerhafte Leistungsdruck in meiner Persönlichkeitsentwicklung, vor allen Dingen während der Pubertät, einfach nicht zusagten: Tief drinnen weiß ich doch ganz genau, dass ich nur deshalb nicht in der Bundesliga kicke, weil damals in der E-Jugend des VfR Alemannia 1921 Otzenhausen gerade unglücklicherweise keine findigen Scouts im Nordsaarland unterwegs waren. Wie keiner der international renommierten Topvereine Notiz von meinen 49 Toren in der Hallensaison 1996/1997 nehmen konnte, ist mir bis heute ein Rätsel. Tatsächlich empfinde ich tiefe Trauer bei dem Gedanken, welches Talent ich der Fußballwelt vorenthalten habe, als ich irgendwann in der B-Jugend meine Fußballschuhe an den Nagel hängte, um mich der Musik zu widmen. Wenn man also in Betracht zieht, dass ich mit meiner Band trotz regionaler Szeneprominenz bisher noch nicht die Arenen dieser Welt erobert habe, folgert man zurecht, dass ich damals offensichtlich aufs falsche Pferd gesetzt habe. Vielleicht wäre dann aus mir ein Star geworden. Die Veranlagung hätte ich mit Sicherheit gehabt. Selbst heute, mit meinen nun 30 Jahren, so sehe ich das realistisch, hätte ich, mit dem richtigen Training und einer radikalen Ernährungsumstellung, sicherlich das Potenzial, noch einmal richtig oben anzugreifen. Einzig die Zeit und das momentan recht gut besetzte Mittelfeld des FC Bayern München hindern mich daran, mich für ein Probetraining an der Säbener Straße zu melden. Doch wer weiß, vielleicht ist das Jesus College MCR Football-Team die lang ersehnte Chance, auf die ich immer gewartet, an die ich immer geglaubt habe …

Meet the team

Wenn ich meinen Teamkameraden des Jesus College MCR Football-Teams so in die Augen blicke, erkenne ich in ihnen meine eigene, tragisch im Keim erstickte Fußballkarriere wieder: ein zusammengewürfelter Haufen aus could-have-beens, die alle „nur noch so zum Spaß“ kicken oder in unterklassigen Hobbyligen rumdümpeln. Nicht, weil ihnen die Begabung fehlte, nein; auf jeden Fall und immer einzig und all deswegen, weil äußere Umstände und das miese Schicksal, die eigenen glorreichen Karriereaussichten torpedierten. Wenn man uns bei unserem montagabendlichen five-a-side-Training einmal genau studieren würde, so denke ich, sähe das geschulte Auge auf jeden Fall eine verlorene Generation an Messis, Ronaldos, Pirlos und Schweinsteigern. Wie hätten wir doch den Fußballolymp bereichert, wäre da nicht der/die Partner*in, die Uni, das Kreuzband, der Mallorca-Urlaub dazwischengekommen …

Wenn ich „Jesus College MCR Football-Team“ schreibe, so meine ich eigentlich „Jesus College MCR and Magdalen College MCR and Friends Football-Team“, denn streng genommen sind wir eine Spielgemeinschaft. Da beide Colleges verhältnismäßig klein sind und der Pool an spielfähigen Postgraduierten dementsprechend überschaubar ist, haben sich die Funktionäre beider Teams vor Jahren auf diesen für beide Seiten praktischen Deal eingelassen. Da, sehr streng genommen, dieser geteilte Pool immer noch zu klein ist, um eine verlässliche Elf anzumelden, werden von Spieltag zu Spieltag auch Ehemalige, Freunde, Arbeitskollegen oder entfernte Verwandte spontan in den Kader berufen, um die ein oder andere klaffende Lücke im Profil zu stopfen; beziehungsweise, wurden Spieler bereits so häufig „spontan“ rekrutiert, dass sie sich mittlerweile einen Stammplatz im Team erspielt haben. Teilweise ohne jedwede akademische Assoziation sind so einige Kicker zu unverzichtbaren Säulen der Mannschaft avanciert, und wurden folglich als College-Mitglieder ehrenhalber aufgenommen.

Mit unserer Mannschaft spielen wir in der zweiten Liga der Oxforder College MCRs. Nach sensationellen Siegen über Balliol College MCR und die Korean Society (leider musste ich ausgerechnet bei diesen beide Partien aufgrund einer Zerrung, die ich mir beim American Football zugezogen hatte, pausieren) bei nur einer einzigen, unverdienten Niederlage gegen St. Catherine’s College MCR (hier konnte ich wieder mitangreifen) spielen wir im Ligawettbewerb ganz sicher oben mit. Zeitweise waren wir sogar Tabellenführer. Aufgrund einer launischen Flaute in der Tagesform (Anfang bis Mitte Dezember) sind wir zwar leider bereits nach der zweiten Runde gegen Balliol aus dem zusätzlichen Pokalwettbewerb rausgeflogen. Doch gibt uns das frühe Pokalaus natürlich die Möglichkeit, unsere Energien voll und ganz auf den Ligaalltag zu konzentrieren.

Gerade nach den anfänglichen Erfolgen und den anschließenden, häufiger werdenden teambildenden Maßnahmen (gemeinsame Treffen im Pub) ist unser zusammengewürfelte Haufen aber zu einem sehenswerten, einheitlichen Teamgefüge zusammengewachsen. Jeder kennt die Stärken und vor allen Dingen auch die Schwächen der anderen und versucht sein jeweils Bestes, seinen Teil zum Erfolg, aber in erster Linie zur kollektiven Unterhaltung beizutragen.

Vorgeplänkel

Um auch über die Winterpause des Ligabetriebs in Form zu bleiben und um die Matchpraxis nicht zu verlieren, hat unser Kapitän Arjun ein Freundschaftsspiel organisiert: gegen Worcester College MCR aus der ersten Liga. Verabredeter Treffpunkt ist der Jesus College Recreational Ground, der collegeeigene Sportpark, der ein Sportlerheim, einen Rasenfußballplatz, ein Rugbyfeld, ein Cricketfeld, Tennisplätze sowie Squashcourts umfasst.

Ein Blick auf das Sportgelände des Magdalen College (das Jesus-Gelände sieht aber recht ähnlich aus). Wie alle nachfolgenden Bilder habe ich die Fotos beim Ligaspiel gegen Balliol aufgenommen, als ich verletzungsbedingt pausieren musste.

Verabredete Zeit ist 10 Uhr morgens, Anstoß ist um 10.30 Uhr. Um 9.45 trifft Benedict mich endlich außerhalb unserer Häuser in der Ship Street. Er hat verschlafen, entschuldigt sich. Benedict schlägt trotzdem vor, zu Fuß zum Sportplatz zu laufen, um das Tanzen der letzten Nacht aus den noch etwas rostigen Beinen zu schütteln. In Anbetracht der Tatsache, dass der Sportplatz allerdings fußläufig eine Dreiviertelstunde entfernt ist und wir in 15 Minuten dort sein sollen, nehmen wir den Bus und erreichen den Platz in der Bartlemas Close pünktlich und als einer der Ersten. Lediglich Arjun und unser Torhüter/Zeugwart Jack sind bereits da und haben die Kabinen des Sportlerheims geöffnet. Als Benedict und ich in die Katakomben hinabsteigen, empfängt uns der unverkennbare Duft von altem Gras und noch älterem Schweiß. Scheinbar kam der Hausmeister des Sportlerheims während der Winterferien nicht dazu, die Kabinen zu lüften.

Das Sportlerheim

Nach und nach trudeln weitere verschlafene (und teilweise verkaterte) Gesichter in der Kabine ein. Gähnend wühlen wir durch die Trikottasche, suchen nach Stutzen, Hosen und dem Trikot, das unsere Glückszahl aus Jugendtagen trägt. Benedict schält eine Mandarine. Arjun erzählt von einem Boxkampf, den er am nächsten Wochenende sehen möchte, bevor ihm einfällt, dass er noch einmal kurz nach Hause muss, um eine Waschmaschine anzuschmeißen. Danny warnt uns vor, dass sich sein rechtes Knie heute etwas wackelig anfühlt und er der Sache heute nicht die vollen 90 Minuten gibt. Rob nickt noch einmal kurz ein, während er sich die Schuhe bindet. Alles in allem sind wir also auf das bevorstehende Match voll fokussiert.

Zu sechst – mehr sind wir noch nicht – verlassen wir die Kabine: Rob, Jack, Matty, Danny, Benedict und ich. Jack pumpt noch einmal den Spielball auf, dann torkeln wir auf den Rasen, platzieren uns in einem etwas eierförmig geratenen Kreis etwa sieben Meter voneinander entfernt und passen uns gegenseitig den Ball zu. Gleichzeitig isst Benedict seine Mandarine. Danach, wahrscheinlich, weil der eisige Wind seine noch vom Mandarinensaft-Nieselregengemisch feuchten Finger frieren lässt, vergräbt er seine Hände unter den Achseln. Das hat nicht zu leugnende Auswirkungen auf die Präzision seiner Pässe.

Etwa fünf Minuten später treffen auch Pietro und Andrei ein und steigen in unser intensives Aufwärmtraining ein. Auch Arjun kehrt von seiner Wäschemission zurück und leistet uns Gesellschaft. Als Kapitän sind seine Gedanken aber schon beim nächsten Schritt, der Planung der Mannschaftsaufstellung, weshalb er bei unserem Passspiel nur passiver Zuschauer bleibt. Während wir aus der Ferne wahrnehmen, dass inzwischen auch Joe I. – noch angeschlagen von einer Grippe – und Sean – frisch zurück nach längerer Verletzungspause – am Sportplatz angekommen und in der Kabine zum Umziehen verschwunden sind, treffen unsere heutigen erstklassigen Gegner ein.

In einheitlichen Trainingsanzügen, fancy haircuts und mit College-Logo versehenen Sporttaschen laufen sie geschlossen ein, ihr Kapitän begrüßt kurz Arjun und bedankt sich äußerst vorbildlich im Voraus für die ihnen zuteil werdende Gastfreundschaft. Als sie kurz darauf gemeinsam aus der Gästekabine zurückkehren und ihre prächtigen türkis-schwarzen Trikots präsentieren, sind wir, die wir gerade dazu übergegangen sind, den klassischen ‚Ecken‘ aufzumachen, zugegebenermaßen ziemlich beeindruckt ob der Disziplin und Professionalität unseres Gegners. Als diese dann auch noch mit Plastikhütchen einen Parcours abstecken, um ein stufenweise koordiniertes Lauftraining abzuhalten, spricht Jack das aus, was wir gerade alle denken: „We’re getting thrashed today, aren’t we?“

Indes versucht Arjun, unsere Moral hochzuhalten, indem er betont, dass wir heute ausnahmsweise, mit dem gerade eingetroffenen Joe II. einen vielseitigen und zudem hoch motivierten Auswechselspieler zur Verfügung haben. Joe II. hat sogar extra seine Prüfung 45 Minuten früher verlassen, damit er uns aushelfen kann. Ich ertappe mich bei dem Gedanken, es Danny gleichzutun und eine latente, ernsthafte Verletzung vorzutäuschen. Dadurch könnte ich das Feld frühzeitig verlassen und Joe II. für mich einwechseln, um einerseits für die jugendliche Frische Joes II. meinen Platz zu räumen und damit die Gesetze der Natur zu respektieren, und andererseits, um ziemlich elegant der unausweichlichen Schmach, die wir zweifelsohne heute erdulden werden müssen, zumindest auf dem Spielfeld zu entgehen. Glücklicherweise bleibt mir allerdings nicht viel Zeit, den Gedanken weiter auszumalen, da Matty vorsichtig in die Runde fragt, ob wir uns nicht auch etwas warmlaufen sollten. Alsdann übernimmt Arjun das Lauftraining: Einmal leichtes Joggen quer über den Platz, dann im Sidestep zurück, dann eine halbe Bahn Anfersen, gefolgt von einer halben Bahn Knie-hoch, zurück eine halbe Bahn im Sprint, dann gemütliches Auslaufen.

„Guys, shouldn’t we do some running?“

Ich muss gestehen, dass meine Muskeln sich nach dieser Prozedur nicht wirklich aufgewärmt anfühlen, sage aber nichts, in der Hoffnung, dass mir die Körner der ausgelassenen Laufeinheiten vielleicht im späteren Spielverlauf nützlich sein könnten. Danach instruiert Arjun alle Spieler, sich individuell zu stretchen. Benedict fragt noch mal nach, welche Übung genau die richtige sei, um seine Tanzwaden zu dehnen.

Arjun verkündet die heutige Aufstellung. Ich starte auf meiner favorisierten Position im zentralen, defensiven Mittelfeld, getreu meiner Rückennummer 6. Zwar strahlt Arjun als Kapitän eine beruhigende Gelassenheit aus, doch merke ich nicht nur bei mir, wie sich zunehmend die Nervosität in unseren Köpfen einschleicht. Worcester College hat indes einen Schulterkreis formiert. Der Kapitän der Worcester Truppe mit der Rückennummer 7 – wie sich herausstellen wird, mein direkter Gegenspieler im zentralen Mittelfeld; einen Kopf größer, sieben Jahre jünger und mit einem deutlich besseren Body-Mass-Index als ich, kniet in der Mitte seiner Mitspieler, präsentiert die Taktik, und schwört seine Kameraden lautstark auf das bevorstehende Gemetzel ein.

Beinahe beginnen meine Knie zu zittern, fast formuliere ich den Wunsch, erneut meine Fußballschuhe an den Nagel zu hängen, da bemerke ich, wie der ein oder andere Worcester-Spieler immer wieder spöttisch lächelnd in unsere Richtung blickt. Offenbar werden wir nicht für voll genommen. Die Truppe rechnet mit einem Kantersieg. Man sieht uns als Kanonenfutter. Mich packt es bei der Ehre: Wer denken die eigentlich, wer sie sind, in ihren türkis-schwarzen Trikots, mit ihren ach so tollen Trainingsanzügen, Sporttaschen, Plastikhütchen und fancy haircuts? Als ich dann auch noch beim Annähern an den Anstoßkreis feststelle, dass mein Gegenspieler bunte Fußballschuhe trägt, ist die Nervosität verschwunden. Für mich ist das jetzt offiziell kein Freundschaftsspiel mehr.

Es kann also losgehen. Ein Heimspiel. Bei leichtem Regenwetter. Auf Acker. Als klarer Underdog. Wer nach meiner Beschreibung der Teams keine Blamage vermutet, hat den Fußball nie gekannt. Wer aber auf der anderen Seite nicht die Möglichkeit einer Sensation wittert, hat den Fußball nie geliebt.

Das Spiel

Kick-off. Die ersten Minuten gehören Worcester. Sie versuchen gekonnt, das Spiel aus der Defensive heraus aufzuziehen und sich mit möglichst flachen, kurzen Pässen durch unser Mittelfeld nach vorne zu kombinieren. Der über den Winter erkennbar verwahrloste Jesus-Acker erschwert diese Spielweise allerdings zunehmend, weshalb des Öfteren der ein oder andere Ball im Seitenaus oder sogar bei einem Jesus-Spieler landet. Sean übernimmt derweil die Regie über das Jesus-Magdalen-and-Friends-Mittelfeld und dirigiert unsere Defensivlinien hin und her, um die sich auftuenden Lücken zu schließen, in der Hoffnung, somit vielleicht Konterangriffe zu erzwingen. Dieses dauerhafte seitliche Verschieben erfordert allerdings ein enormes Maß und Kondition. Bereits nach etwa sieben Minuten muss ich das erste Mal einen hart erkämpften Einwurf für eine Verschnaufpause nutzen.

Doch Seans Leitung trägt schnell erste Früchte. Nachdem Pietro auf der rechten Seite den ballführenden Worcester-Spieler durch sein aggressives Pressing in ein Eins-gegen-Zwei-Duell mit Joe I. und Andrei zwingt, können unsere Verteidiger den Ball erobern und nach vorne umschalten. Über Danny und mich gelangt der Ball zu Sean, der einen perfekt getimten langen Ball nach Linksaußen schlägt, den Matty souverän mit einem einzigen Kontakt annimmt. Das Passspiel zum Aufwärmtraining macht sich also schon jetzt bezahlt.

Durch den langen Ball, den Sean geschlagen hat, stehen unsere Reihen noch weit in der eigenen Hälfte. Es gibt keine Anspielsituationen für Matty, also müsste er eigentlich warten, bis unsere Spieler aufgerückt sind. Zwar bewegen Sean, Pietro, Rob und ich uns auch in Richtung Worcester-Hälfte, doch leider nicht mit dem nötigen Tempo. Langsam und träge kämpfe ich meinen schon jetzt ausgelaugten Kadaver in Höhe der Mittellinie, in fester Erwartung, dass Matty den Ball noch einmal zurück zu einem unserer Spieler passen wird, um einen organisierten Angriff gemeinsam vorzutragen.

Stattdessen dribbelt Matty den Ball einige Meter entlang der linken Seitenauslinie, bleibt etwa zwanzig Meter vor dem Tor, immer noch weit auf der linken Seite, stehen und nimmt Maß. Der Ball verlässt seinen linken Fuß, fast möchte ich losbrüllen, wie egoistisch es von Matty war, aus dieser unmöglichen Position den Abschluss zu suchen. Wie in Zeitlupe falle ich weiter von einem Fuß auf den anderen nach vorne, während meine Augen ungläubig die Flugkurve des Balles verfolgen. Der Worcester-Torwart, der ebenso wie ich mit allem gerechnet hatte, aber nicht mit diesem überraschenden Distanzschuss, realisiert zu spät, was ihn erwartet. Er versucht noch, durch eine abrupte Bewegung seinen Vorwärtsschritt zu korrigieren, doch da ist es schon zu spät. Der Ball senkt sich über den Torwart hinweg perfekt in den rechten oberen Knick des Gehäuses. Für einen Moment herrscht Stille auf dem Platz.

Mein Gehirn sendet weiter den Befehl aus, meine Füße einen nach dem anderen nach vorne zu bewegen, mich für ein Anspiel bereit zu machen. Es kann rein kognitiv noch nicht verarbeiten, was meine Augen gerade gesehen haben. Es kann noch nicht einordnen, was gerade geschehen ist und die passende motorische Folgereaktion einleiten. Das vorformulierte „Noooooo!“ über Mattys scheinbar eigen- und unsinnige Entscheidung, aus seiner Position abzuziehen, sollte eigentlich der sich langsam einsetzenden Freude über den erfolgreichen Versuch und dem entsprechenden akustischen Signal weichen. Doch kann mein Sprachapparat immer noch nicht umsetzen, was sich schleichend in meinem Bewusstsein als Tatsache zementiert. Dann reißt Matty die Arme nach oben. Es steht 1:0 für uns.

Wir brechen in unbändigen Jubel aus, stürmen zu Matty, treffen uns an der Eckfahne, rutschen auf Knien an den Götterschützen heran, fallen vornüber in das matschige Geläuf, klatschen uns gegenseitig ab als hätte unser kollektiver Wille eigenhändig den Ball von Mattys Fuß ins Tor des Gegners getragen. Ausgelassen zelebrieren wir dieses Jahrhunderttor, ahmen all die Gesten der Profis nach, die wir aus den Fernsehübertragungen kennen, während die Worcester-Spieler ratlos grinsend die Köpfe schütteln, mit ihrem Torwart diskutieren, dann aber zu dem Schluss kommen, Mattys Zauberschuss als einmaligen Sonntagsschuss und Glückstreffer abtun. Selig kehren wir zum Anstoßkreis zurück, entzückt von dem Gedanken, dass wir der nahenden Demütigung durch den spielerisch und taktisch überlegenen Gegner zumindest mit einem Führungstor etwas abgewinnen konnten. Dass dieses überragende Tor zumindest ein kleiner Lichtblick in der unweigerlich über uns hereinbrechenden Niederlage sein würde. Doch der Fußballgott hatte heute für Jesus und Magdalen und deren Freunde etwas ganz anderes vor…

„I got this.“

Worcester stößt an. Erneut erzwingt unsere Defensive einen Fehler, erneut gelingt uns das schnelle Umschalten auf Offensive durch einen hervorragenden Pass von Danny auf Rob, unseren Mittelstürmer. Worcester kann sich nur mit einem Foul behelfen und bringt Rob links außen, etwa in der Position, aus der Matty uns vor wenigen Minuten mit seinem Kunstschuss in Führung gebracht hatte, zu Fall. Unsere großgewachsenen Verteidiger, Andrei und Danny, rücken mit auf, platzieren sich im Sechzehnmeterraum, um eine etwaige Flanke per Kopf in Richtung Worcester-Tor bugsieren zu können. Ich postiere mich auf Höhe der Sechzehnmeterlinie, um gegebenenfalls einen Abpraller schnell verwerten zu können. Sean und Matty diskutieren derweil am Freistoßpunkt, wer von ihnen den Ball hineinbringen soll. Hinter vorgehaltener Hand tauschen sie leise ihre Vorgehensweise aus. Ich verstehe zunächst nicht, was sie vereinbaren. Dann distanziert sich Sean vom Freistoßpunkt ich höre Matty sagen: „I got this.“ Seine Augen funkeln, während er etwa drei Schritte Abstand vom Ball nimmt.

Worcester rechnet mit einem Flankenball, doch Matty, dieses Schlitzohr, hat andere Pläne. Wieder nimmt er Maß, wieder übertölpelt er den Torwart, der zudem auf dem matschigen Geläuf rund um seinen Fünfmeterraum ausrutscht und hilflos dabei zusehen muss, wie der Ball sich erneut über alle Köpfe hinweg in das rechte obere Eck seines Tores senkt, während sein Gesicht sich unschön in den schlammigen Untergrund des Platzes eingräbt. Es steht 2:0.

Erneut rasen unsere Herzen, wir rennen auf Matty zu. Der bleibt einfach nur stehen, reißt stumm in die Hände hoch und sieht aus wie ein in Bronze gehauener Adonis. Wir wollen ihm zu Ehren eine Statue bauen, ihm ein Denkmal setzen, einen Drink nach ihm benennen. Wir alle liegen Matty zu Füßen, der erhaben in Richtung der verdutzen Worcester-Spieler blickt. In seinem stillen, andächtigen Jubel schwingt eine unaussprechliche Genugtuung mit. Sein Blick verrät die unausgesprochenen Worte des Davids nach dem Kampf gegen Goliath: „Glückstreffer, heh?“

Das Mineiraço der Bartlemas Close

Worcester wirkt nun verunsichert. Trotz spielerischer Überlegenheit liegen sie früh mit zwei Toren zurück. Ihre Gesichter verraten, dass sie beginnen, den eigenen Matchplan, die eigene Stärke, die beim Gegner vermutete Schwäche zu hinterfragen. Der folgende Anstoß ist also zunächst ein Rückpass zum eigenen Innenverteidiger. Rob sprintet entschlossen und beflügelt durch die Euphorie der überraschenden Führung auf den Verteidiger zu, der sichtlich in Panik gerät und verzweifelt weiter nach hinten auf den Torhüter passt. Der wiederum wird von diesem Rückpass auf dem falschen Fuß erwischt und macht eine wiederholt unglückliche Figur. Er stolpert zunächst über die eigenen Füße, behält aber seine Balance, versucht sich dann mit einem kräftigen Schuss nach vorne aus seiner brenzligen Lage zu befreien, schießt dabei aber unglücklicherweise den weiter hervorpreschenden Rob genau in die Füße. Rob kann den Ball kontrollieren und schiebt lässig zum 3:0 ein. Worcester ist ratlos. Es sind erst zehn Minuten gespielt.

Danach passiert alles wie in Trance. In den folgenden Minuten fabrizieren die Worcester-Spieler, als seien sie verflucht, weitere kapitale Böcke, die es sogar mir erlauben – und an dieser Stelle sei etwas Stolz und Eigenlob erlaubt – durch zwei vortrefflich geschlagene, feinfühlige Pässe aus der eigenen Hälfte zwei weitere Tore für Jesus vorzubereiten. Nach etwas mehr als einer Viertelstunde führen wir, der Zweitligist, der zusammengewürfelte Haufen aus ausgesprochenen Anti-Athleten, verkaterten Langschläfern und Mandarinenschälern 5:0 gegen den haushohen Favoriten aus der ersten Liga. Die Luft über dem Fußballplatz atmet sich historisch. Wir wissen, dass wir hier und heute gerade Jesus MCR-Geschichte, womöglich sogar Fußballgeschichte schreiben.

Nach einem kläglichen Schussversuch eines Worcester-Spielers, den Andrei „the fucking giant“ rigoros mit einem soliden Dampfhammer in Richtung des angrenzenden Wohngebiets klärt, muss das Spiel für wenige Minuten ausgesetzt werden, bis der Ball wiedergefunden wird. Ich bleibe derweil neben meinem Gegenspieler mit der Rückennummer 7 stehen, blicke zunächst auf seine bunten Schuhe und grinse ihn dann schamlos an, wobei ich aufgrund seiner Körpergröße meinen Hals stark nach oben strecken muss. In seinen Augen lese ich die tiefe Verzweiflung und Resignation eines tragischen Helden. Wenn ich ihn so sehe, schwanke ich zwischen Genugtuung und Mitgefühl, wobei momentan der Aspekt der Genugtuung doch stark überwiegt. In meiner einfühlsamsten Stimme sage ich: „Feels a bit like Brazil versus Germany a couple of years ago, doesn’t it?“ Er kneift die Lippen zusammen, nickt. Ich hoffe, er ist kein Brasilianer; befürchte, dass ich sonst noch zusätzlich alte Wunden aufgerissen habe und er gleich in Tränen ausbrechen könnte. Ich wende mich respektvoll ab, erspare ihm die Erniedrigung meiner Anwesenheit, bleibe ihm auch bei der folgenden Ecke fern und lasse ihn ungedeckt. An einem Tag wie heute brauchen wir keine Deckung.

Kurz vor dem Seitenwechsel kann Worcester durch einen verhältnismäßig lächerlichen Zufallstreffer noch das 5:1 erzielen, doch ändert das nichts an den konsternierten Gesichtern, die nach dem Halbzeitsschrei (der designierte Schiedsrichter hat leider nur eine Pfeife mit Fehlfunktion mitgebracht) das Feld verlassen. Unsere Halbzeitansprache ist dementsprechend heiter: Zwar hat unser Kapitän vergessen, die sonst üblichen Schokoriegel als Pausensnacks mitzubringen. Unser Ersatzspieler Joe II. hat allerdings noch etwas übrig gebliebenes Weihnachtsgebäck dabei und kramt es zur allseitigen Befriedigung aus den Untiefen seines Sportrucksacks hervor. Zunächst mampfen wir sprachlos die Kekse, versuchen zu Kräften zu kommen und etwas durchzuatmen. Eine gewisse Zeit lang vernimmt man bloß das Gluckern der gierig trinkenden Spieler und das Zwitschern der Vögel.  Niemand spricht. Irgendwann bricht Sean die Stille: „Ok guys, what the fuck just happened?”

Nach dem Seitenwechsel. Im Vordergrund mit der Rückennummer 15: Zauberfuß und Doppeltorschütze Matty.

Wir einigen uns darauf, einfach so weiterzuspielen, wie auch immer wir vorher gespielt haben. Da ich als Senior des Teams das unausgesprochene Vorrecht habe, mich als Erster auszuwechseln, betritt Joe II. für mich das Feld und ich übernehme für den ersten Teil der zweiten Hälfte das Schiedsrichteramt. Man merkt nicht nur mir an, dass die erste Hälfte trotz aller Euphoriewellen enorm an unseren Kraftreserven, sollten sie jemals existiert haben, gezehrt hat. Die meisten unserer Spieler schleppen sich nur noch über den Platz, und doch gelingt es Sean nach einer weiteren unglücklichen Aktion des Torwarts – er wehrt einen unserer Eckbälle mittig und genau vor Seans Füße ab – zum 6:1 abzustauben. Worcester ist nun völlig demoralisiert. Hatten sie sich für die zweite Hälfte eine Aufholjagd vorgenommen, so ist der Plan spätestens jetzt vereitelt. Kein Worcester-Spieler hat auch nur noch ansatzweise Bock darauf, gerade gegen uns zu kicken, vor allem da wir uns, auf Order unseres Kapitäns, von nun an auf das ekelhafte Parken des Mourinho-Busses im eigenen Sechzehner bei zunehmender Härte in den Zweikämpfen verlassen. Ab sofort bolzen wir nur noch Langholz aus der eigenen Gefahrenzone heraus, grätschen, was das Zeug hält und kümmern uns nicht mehr um die Sprints, die das Besitzen des Balls für einen längeren Zeitraum erforderte.

Als Rob dann trotz unserer destruktiven Spielweise durch einen Maradonna-esken Sololauf auch noch das 7:1 erzielt (und ich mich dabei ertappe, dass ich trotz der eigentlich vorgeschriebenen Neutralität meines neuen Schiedsrichteramtes Robs Traumtor ausgelassen bejuble), bitten die ersten Worcester-Spieler ihren Kapitän darum, eine frühzeitige Beendigung des Spiels zu erwirken. Etwa nach 75 Minuten gibt Dannys Knie dann, wie angekündigt, nach, weshalb ich zu der Ehre komme, bei der letzten Viertelstunde unseres heutigen Triumphes noch einmal aktiv mitzuwirken. Zwar hat mir die halbe Stunde Schiri-Pause gutgetan, doch schleppe ich mich nur noch mühsam über den Platz, genauso wie meine Mitspieler. Auch wir wären augenscheinlich nicht unglücklich, wenn wir heute im Einverständnis mit Worcester die goldene Herrbergersche 90-Minuten-Regeln brechen würden. Doch wir bleiben eisern und beißen auf die Zähne, das schulden wir dem Sportsgeist und dem Spiel.

Aufgrund unserer schwindenden Kräfte erlauben wir es so dem Gegner, mit zwei weiteren Toren zum 7:3 Endstand zumindest noch ein Fünkchen Ehre zu retten. Doch nichts kann die epischen Ausmaße des heutigen Sportereignisses trüben. Nach dem Abpfiff fällt es uns schwer, beim obligatorischen Handschlag mit den gegnerischen Spielern nicht allzu selbstgefällig zu wirken. Aber es müssen zwischen uns und Worcester keine Worte mehr gesprochen werden. Wir alle erkennen Helden, wenn wir welche sehen. Und heute sind wir Helden. Heute haben wir es den Messis, den Ronaldos, den Pirlos, den Schweinsteigern gleichgetan und sind über uns hinausgewachsen.

Helden aus der zweiten Reihe

Die Worcester-Spieler verstecken sich schleunigst in ihre Trainingsanzüge und reisen geschlossen ab. Während Arjun unsere Trikots einsammelt, spricht er als stolzer Kapitän ein Lob auf die heutige Mannschaftsleistung aus und lädt alle in seine Wohnung für Pizza und Premier League ein. Als die meisten unserer Spieler in der Kabine verschwinden, um sich umzuziehen, verharre ich einen Moment lang allein auf dem Spielfeld. Wie Franz Beckenbauer damals 1990 in Rom ziehe ich einsam genießend meine Kreise über den Fußballplatz. Ich blicke mich um: Schon wieder keine Scouts anwesend. Wie damals in der Hallensaison 1996/1997.