Im Osten was Neues

Demonstration gegen Hass in Warschau. (Foto: warszawa.gosc.pl)

Demonstration gegen Hass in Warschau. (Foto: warszawa.gosc.pl)

Was könnte besser die Seele im frostigen Polen wärmen, als etwas Wohltätigkeit? So sammelten die alljährlichen Weihnachtsorchester kräftig Spenden und die Menschen strömten zu den Benefizkonzerten. Was soll da schon passieren?

Montagabend in der Prüfungszeit: Uni besucht, fleißig gelernt, Abendessen gekocht. Da kann man sich auch einmal eine Pause gönnen. Erst recht, wenn einen die Freunde in die Stammkneipe einladen, die jeden Montag Live-Musik anbietet. Der Raum füllt sich mit Menschen, der Rachen mit Bier. Die Künstler stehen bereit, der Kopf der Gruppe beginnt in das Mikro zu nuscheln. Ein paar Polnischfetzen kann ich entziffern: guten Abend, schön, dass Sie da sind, Danzig. Halt – wieso Danzig? Plötzlich ist der gesamte Raum still, Lautäußerungen werden mit einem beherzten Zischen unterbunden. Sekunden verstreichen, bis eine Minute daraus wird. Die Band bedankt sich, spielt los, der Abend geht weiter. Was war da los?

Danzig und sein Bürgermeister

Ich erinnerte mich bruchstückhaft, dass in den polnischen Social-Media-Kanälen das Portrait des Danziger Bürgermeister umher ging. Doch als die Posts zunehmend schwarz-weiß wurden und Beileidsbekundung über Beileidsbekundung gepostet wurde, forschte ich nach. Paweł Adamowicz, 53, Stadtpräsident von Danzig, bürgernah, zum sechsten Mal in Folge wiedergewählt, Solidarność-Unterstützer der ersten Stunde. Und wie hält er’s mit der Politik? Er ist Teil der gemäßigten konservativen Bürgerplattform PO, die bis 2015 die Regierung stellte. Seit dem gab es ständig Streit mit der neuen nationalkonservativen PiS und der Kirche, weil er sich für Menschen verschiedener sexueller Orientierungen, Ausländer und Flüchtlinge stark machte. Weil er die jüdische Gemeinschaft in Danzig berücksichtigte. Und weil er sich für Museen einsetze, die die Geschichte ohne neue Heldenmythen aufarbeiten.

Paweł Adamowicz während der Spendenaktion. (Foto: bialystok.wyborcza.pl)

Paweł Adamowicz während der Spendenaktion. (Foto: bialystok.wyborcza.pl)

Seit 27 Jahren treten die Orchester der Weihnachtshilfe zum ersten Januarsonntag in zahlreichen Städten auf. Polen auf der ganzen Welt spenden, um Kinderkrankenhäusern neue Ausstattung zu besorgen. Die Stimmung war gut, die Leute gaben wieder viele Millionen Złoty. Politiker und Prominente nutzen die Medienaufmerksamkeit sehr gerne. Als sich Adamowicz auf der Bühne bei den Menschen bedankte und die Person begrüßen wollte, die auf ihn zukam, schien noch alles in Ordnung. Dann ging alles sehr schnell: Messer gezückt, drei Stiche in den Körper. Der Täter nahm das Mikrofon und beschuldigte die Bürgerplattform, ihn fälschlicherweise über fünf Jahre ins Gefängnis gebracht und dort gefoltert zu haben. Er wurde überwältigt, sein Plan schlug fehl: alle blickten mit Sorge auf den Danziger Stadtpräsidenten. Dieser erlag bereits Montagnachmittag seinen Verletzungen.

Solidarische Trauer statt Hetze

Das ganze Land drückte seine Trauer friedlich und solidarisch aus: zahllose Posts, Schweigeminuten Gedächtnismärsche. In Warschau sind wieder Fähnchen an den Bussen. Auch meine Abendplanung ist betroffen: mehrere Parties sind auf nächste Woche verschoben, um die Trauer nicht zu stören. Die Gedanke der Menschen sind bei der Familie Adamowiczs. Die internationale Presse drückt ihr Beileid aus. So weit, so angemessen. Doch eine größere Debatte brach sich im Nachgang Bahn.

„Menschenmeer in Danzig“

Denn noch am Montag starteten in mehreren Städten Märsche unter dem Motto „Stoppt den Hass“ (Stop Nienawiści). Dazu kommt die Anti-Hate-Speech-Kampagne „Hör auf, Hass zu verbreiten“ (Stop mowie nienawiści). Die westeuropäischen Vorurteile gegen Polen, dass es eher Extremismus und Populismus zugeneigt sei, lassen sich so nicht bestätigen. Klar, die Menschen haben seit dem Ende des Ostblocks schmerzende Enttäuschungen erlebt. Politik erscheint als etwas Fremdes, von Außen kommendes. Doch im Fall Adamowicz hat Polen seine Stärke gezeigt: die Zivilgesellschaft. Den Eliten wird schon lange nicht mehr vertraut, weshalb die Menschen die Dinge wieder selbst in die Hand nehmen. Durch die Tragödie zeigen die Polen wieder offen Haltung: gegen Aggression, gegen Diskriminierung und für ein solidarisches Polen. Politisierung statt Polarisierung. Jetzt bleibt abzuwarten, ob das nur ein kurzes Aufbäumen oder der Anfang von etwas Großem ist.

Ein Kommentar

  1. Lieber Roman, es ist schön, dass du der doch recht einseitigen Berichterstattung hier in Deutschland über Polen deine persönlichen Eindrücke und Sichtweisen gegenüberstellst. Mal wieder sehr spannend – und erhellend. Die Welt ist nun mal selten nur schwarz und weiß. LG aus Trier, Edith

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