Vom Studiengangcheck zum Toilettengangcheck

Es empfiehlt sich, ein Diabolo ab und an auch mal von der Leine zu lassen. Gleiches gilt für Kinder und Universitäten. Photo: Sheila Dolman

Im Flur heruntergelassene Hosen. Vollgepinkelte Toilettensitze. Seife, die vom Waschbeckenrand tropft. Fehlende Modulbeschreibungen. Ob ein ausuferndes Kontrollsystem mit Checklisten Abhilfe schafft? Diese Frage stellt sich mir (mal wieder!) im Zusammenhang mit Kindererziehung und Qualitätssicherung gleichermaßen.

Jedem Anfang wohnt ein Zauber inne

Man sollte ja meinen, manche Dinge seien derart eingebrannt ins Hirn, dass sie niemals wieder verloren gehen können. Fahrradfahren zum Beispiel – der Klassiker. Steigt man aufs Rad, erinnert sich das Gehirn sofort wieder an die alten Abläufe, und los geht die Fahrt. Oder der Toilettengang. Sitzt man auf der Toilette, spült man hinterher ab, schließt den Toilettendeckel und begibt sich zum Händewaschen. Also Fahrradfahren, das kann Sohn 1 wirklich im Schlaf. Muss er übrigens auch, so kurz vor knapp wie er immer aufsteht. Jeden Morgen steigt er auf sein Rad und rast ohne darüber nachzudenken zur Schule. Mit dem standardisierten Toilettengang sieht es da allerdings schon etwas anders aus. Zu Beginn war das alles ja noch neu und aufregend. Pipi in die Toilette. Was das für lustige Geräusche macht! Mit einer halben Rolle Toilettenpapier den letzten Tropfen auffangen. Den Spülknopf betätigen und dabei zusehen, wie alles in einem wilden Strudel im Nichts verschwindet. Händewaschen mit der lustigen Seife, die durch einen Sensor ausgelöst wird. Die Hand danach gleich noch mal vor den Sensor halten und zusehen, wie blaue Schmiere über den Waschbeckenrand läuft. Und noch mal. Dann die Hände abtrocknen und stolz verkünden: „Ich war auf Klo. Ganz alleine!“

Der Zauber fällt der Zeit zum Opfer

Das war einmal. Heute flitzt Sohn 1 kurz vor knapp Richtung Gästeklo, reißt sich bereits auf dem Weg dorthin Hose und Unterhose herunter, verrichtet bei offener Tür sein Geschäft – und sitzt nur Sekunden später wieder vor seinem Lego. Mein undezenter Hinweis vorab, doch bitte „ordentlich auf Toilette zu gehen“, wird ebenso ignoriert wie die ersten fünf Wiederholungen im Nachgang, „hast du abgespült und Hände gewaschen?“. Beim sechsten Mal werden die Augen gerollt, es wird genervt aufgestanden, zur Toilette gerannt, ich höre die Spülung – und zack ist Sohn 1 zurück. Im Anschluss werden die ersten fünf Wiederholungen, ob er sich denn bei dieser Gelegenheit zufällig auch die Hände gewaschen habe, gekonnt ignoriert, um dann wiederum beim sechsten Mal aufzustehen, ins Klo zu hetzen und für zwei Sekunden den Wasserhahn aufzudrehen. Noch während ich den Auslöser des Sensors vernehme und mir vorstelle, wie die Seife über den Waschbeckenrand fließt, sitzt er schon wieder vor mir. „Wie sieht es mit Abtrocknen aus?“, frage ich verzweifelt. Vorwurfsvoller Blick zu mir rüber. Kurze Überlegung. Hände schnell an der Hose abgewischt. Fertig. Lerneffekt über die letzten drei Jahre seit Windelgedenken? Null. Oder eher: Im Minusbereich.

Das Modulhandbuch ist der Toilettengang des Lehrenden

Muss ich auch auf der Arbeit Gott sei Dank bei niemandem kontrollieren, wie „ordentlich“ sie oder er zur Toilette geht (und so, wie es in den stillen Räumlichkeiten mittags aussieht, bin ich darüber auch mehr als dankbar), obliegen leider auch hier gewisse Dinge meiner Kontrolle. Seid versichert: Ich selbst habe es schon immer gehasst, kontrolliert zu werden, und umgekehrt macht es mir auch wenig Spaß, andere zu kontrollieren. Dennoch muss ich den Überblick über die Dinge behalten, die in meinen Verantwortungsbereich fallen. Alljährlich muss z.B. für alle Studiengänge eines Fachbereichs ein sogenannter „Studiengangcheck“ durchgeführt werden; der dient später der internen Akkreditierung.

Auszug aus einem Studiengangcheck

Wer kontrolliert den Kontrolleur?

Apropos Akkreditierung. Meinen Eltern habe ich meinen Job hier an der Uni wie folgt erklärt. Einstmals kontrollierte das Ministerium, dass die Uni keinen Blödsinn macht. Dann beschloss das Ministerium, eine Agentur zu kontrollieren, die wiederum kontrolliert, dass die Uni keinen Blödsinn macht. Dann beschlossen Richter, dass man so nicht verfassungskonform kontrollieren könne, dass die Uni keinen Blödsinn macht. Deshalb kontrolliert nun wiederum ein übergeordnetes Gremium, dass die Agentur keinen Blödsinn macht, die wiederum kontrolliert, dass wir hier in der Qualitätssicherung keinen Blödsinn machen, die wir wiederum kontrollieren, dass die Uni keinen Blödsinn macht. Klar? Kommentar meines Vaters dazu: „Ach Mädchen. Mach dir keine Gedanken. Das Land investiert sonst in nicht mehr befahrene Rennstrecken und nicht mehr genutzte Flughäfen in der Pampa. Im Vergleich dazu bist du doch eine sinnvolle Steuerverschwendung.“

Dann steht die Stabsstelle vor der Tür

Zurück zum Studiengangcheck. Dieser umfasst laut unserer Webseite „die Prüfung der Studiengangdokumente auf die Einhaltung nationaler und internationaler Rahmenvorgaben sowie auf Vollständigkeit, Verständlichkeit und Konsistenz“. Wer es bis zum Ende des Zitats geschafft hat: Ja, dieser Bereich unseres Jobs hier ist ebenso unsexy, wie es sich anhört. In einer ellenlangen Checkliste wird jedem einzelnen Punkt ein Buchstabe zugeordnet. A ist gut, denn das bedeutet, dass das Kriterium erfüllt ist. C ist weniger gut, denn das bedeutet, dass das Kriterium nicht erfüllt ist. Ob ich zu Hause vielleicht einen „Toilettengangcheck“ einführen sollte? Und statt der sechsten Erinnerung Sohn 1 einfach eine standardisierte Checkliste aushändige, in der hinter „Klodeckel“, „Klospülung“, „Wasser“, „Seife“, und „Handtuch“ jeweils ein C steht? Und ihm statt mit Akkreditierungs- mit Tablet-Entzug drohe? Aber wer legt überhaupt fest, was ein „ordentlicher“ Toilettengang ist? Wer kontrolliert regelmäßig, ob die von mir erstellte Checkliste geeignet ist, einen korrekten Toilettengang zu garantieren? Und wer überprüft den Überprüfer der Checkliste, ob der das überhaupt korrekt überprüft hat? Ein Fall für das Jugendamt? Fest steht: Jegliches Kontrollsystem will wohlüberlegt sein.

Entwurf eines Toilettengangchecks

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