Auf die Plätze, fertig, Sumo

Sumo-Ringen. Jeder kennt es. Klingt irgendwie lustig, eben wie etwas, was man sich in diesem verrückten Japan ausdenken würde. Dicke Männer, die sich gegenseitig umwerfen. Die versuchen, ihre Beine so hoch wie möglich auszustrecken, um dann durch die Schwerkraft wieder auf den Boden der Tatsachen zurückgebracht zu werden. Was soll das ganze eigentlich? Ein kleiner Einblick in die Welt des Sumo.

Als ich vor zwei Jahren zum ersten Mal das Grand Sumo Tournament mit meiner Familie besuchte, konnten wir uns die ersten zwei Stunden lang kaum einkriegen. Zu bizarr war die Mischung aus Exhibitionismus (so viele fast nackte Männer), Slapstick, wenn ein dünner Jung-Sumo versucht, sich gegen den massigen Fleischberg zu stemmen, der ihn scheinbar mühelos aus dem Ring schiebt, und Brutalität, weil der Ring nicht ebenerdig, sondern erhöht angelegt ist, was zur Folge hat, dass die Ringer häufig in spektakulärer Weise auf die Kante des Ringpodests oder darüber hinaus auf die Zuschauer fallen.

Je länger wir jedoch dem Spektakel beiwohnten, desto mehr wurden wir in dessen Bann gezogen. Die länger werdenden Rituale vor jedem Kampf, die farbenprächtigen Roben der Ringrichter, die ausgefeilten Techniken der Profis, die taxierenden einschüchternden Blickduelle. Diese und noch mehr Faktoren haben dazu beigetragen, dass ich (mehr oder weniger) ein Fan dieses Sports geworden bin. Hier kommt es also, mein Plädoyer für Sumo, inklusive Pro und Kontra.

H. aus K. findet Sumo eigentlich ziemlich interessant

In den vergangenen Tagen war das Frühjahrsturnier in Tokio, während dessen Verlauf ich zweimal in der Arena mitgejubelt habe. Leute, die bereits in Japan waren oder den Sachverhalt recherchiert haben, mögen jetzt vielleicht sagen: „Aber halt, Hanna, sind die Karten dafür nicht ziemlich schweineteuer? Und fast immer ausverkauft?“ Ja, das stimmt, aber ich verrate euch jetzt meinen kleinen Geheimtipp: Wenn man sich an den Turniertagen morgens so früh wie möglich in die Kartenverkaufsschlange stellt, kann man mit ein bisschen Glück die Restkarten für die letzte Reihe ergattern. Das bedeutet im Klartext, um 4 Uhr morgens aufstehen, Zähneputzen nicht vergessen! Die erste Bahn um 5 Uhr nehmen, dann 2 Stunden in der Kälte stehen, um dann pünktlich zu den ersten Kämpfen der unteren Ränge anwesend zu sein. Die wichtigen Kämpfe starten erst ca. fünf Stunden später, aber wer möchte, kann auch ganze neun Stunden am Stück Sumo bewundern. Na prima!

Die Eintrittskarte in der Tasche – Los gehts!

Wer dann eingegroovt ist, wird, ähnlich zu den gemeinen Gelegenheits-WM-Fußball-Zuschauern, schnell zum Sumo-„Experten“: Dieser ist zu dick, jener hat gute Chancen, der Griff hat gesessen, hier hapert es noch an der Beinarbeit. Bewundernswert finde ich auf jeden Fall den Mut aller Kämpfer, sich jeder Herausforderung zu stellen, egal wie groß oder einschüchternd der Gegner wirken mag. Vor dem Kampf taxieren sich die zwei Kontrahenten, aber lassen kaum eine Emotion über die Gesichtszüge huschen. Das Pokerface ist das A und O.

Sumo ist dabei gleichermaßen leicht und kompliziert. Das Konzept an sich erscheint erstmal ähnlich simpel wie Schnick-Schnack-Schnuck. Die Ringer versuchen mit einer überschaubaren Palette an Techniken (insgesamt 82 an der Zahl, aber die am häufigsten gebrauchten Techniken sind weit weniger) oder mit ihrer schieren Masse den Gegner aus dem Ring zu schieben oder werfen oder ihn so zu Fall zu bringen, dass er den Boden mit einem anderen Körperteil außer den Fußsohlen berührt. Nicht erlaubt hingegen sind das Anfassen der Haare oder das Schlagen mit der Faust.

Auf den ersten Blick das simpelste der Welt, aber komplizierter als gedacht

In Anbetracht der Tatsache, dass die Kämpfe meist in wenigen Sekunden entschieden und die Regeln auch für den unwissenden Laien schnell ersichtlich sind, erscheint der Sachverhalt weit weniger komplex, als er eigentlich ist. Tatsächlich ist die Welt des Sumo nämlich kompliziert hierarchisch strukturiert, wie viele Teile der japanischen Gesellschaft. Nicht nur, dass jeder Sumoringer einen Rang bekleidet, der ihm eine genaue Position in der Sumo-Welt zuordnet, auch die Ring- und Linienrichter sind nach einer bestimmten Ordnung den Kämpfen zugeteilt. Dass die schnieken Roben eine wechselnde farbenfrohe Vielfalt präsentieren, ist also kein Zufall, sondern zeigt genau den Rang des Ringrichters an.

Sumo ist zudem nicht einfach nur ein Sport. Es wurzelt in der japanischen Religion des Shintoismus und war ursprünglich als Entertainment für die Götter gedacht. Bis heute ist dieser Ritualcharakter erhalten geblieben und findet sich wieder in unzähligen Details rund um den Ring. Das Salzwerfen vor Beginn eines Kampfes (uwwaah, so cool!) ist zum Beispiel ein Reinigungsritual. Frauen dürfen den Ring übrigens nicht betreten. Das stellte sich als problematisch in einer Situation heraus, in der weibliche Zuschauerinnen einem Bürgermeister, der im Kampfring bei einer Rede umkippte, Erste Hilfe leisten wollten. Sie wurden vom Ringrichter des Ringes verwiesen, der anschließend aufgrund der „Beschmutzung“ mit Salz gereinigt wurde (also der Ring, nicht der Richter).

Einer Kirschblüte gleich fiel der 180 kg Ringer auf die arme Frau in der ersten Reihe

Diese Verbindung zur Tradition mag wohl auch der Grund sein, warum nicht etwa Baseball oder Profi-Kirschblüten-Anschauen der japanische Nationalsport sind. Dem Kirschblütenschauen gemeinsam ist jedoch die Kürze: Die Lebenszeit einer Kirschblüte ist begrenzt und dem Höhepunkt ihrer Schönheit folgt schnell der tragische Verfall. Es ist also die Vergänglichkeit, die ihre Schönheit umso kostbarer macht. Ähnlich kann man die Ästhetik des Sumo-Kampfes interpretieren. Die Sportler haben nicht etwa 90 Minuten Zeit, können in Form kommen, Fehler machen und diese korrigieren. Sie haben nur ein paar Sekunden Zeit, um einen spannenden Kampf zu bieten. So schnell, wie der Kampf begonnen hat, endet er dann auch mit dem Fall der Kämpfer. Nur dass diese mehr wiegen als eine Kirschblüte.

Dass Sumo nur zur Hälfte als Sport und zur Hälfte als urjapanische Tradition verstanden wird, sorgt immer wieder für Streitigkeiten, was die Internationalisierung angeht. Nicht selten dient der Sport als Vorzeigeexemplar vermeintlicher „Japanizität“ und wird von Rechten ausgeschlachtet, die gegen die ausländischen Sportler hetzen. Besonders beobachtbar war eine dieser nationalistischen Aufschreie, als 2017, seit vielen Jahren zum ersten Mal, ein japanischstämmiger Sumoringer den höchsten Rang des Yokozuna erreichte. Unverhältnismäßig mehr Jubel und Aufmerksamkeit bekam dieser im Vergleich zu seinen Yokozuna-Kollegen, die meistens aus der Mongolei stammen (auch von den ausländischen Medien). Auf der anderen Seite kann es aber auch als mittelgroßer Fortschritt gesehen werden, wie viele ausländische rikishi (Sumoringer) bereits in den oberen Rängen mitmischen.

Mein schlechtes Gewissen kann beim Sumo-Schauen nicht zuhause bleiben

Fragwürdig bleibt aber auch, was nach wie vor auf den ersten Blick ersichtlich ist. Kann man einen Sport unterstützen, bei dem sich die Athleten derart selbst kaputtmachen? Auffällig neben der Fettleibigkeit der Sumoringer sind die zahlreichen Bandagen und Verbände, Spuren vergangener Kämpfe. Mit jedem Kampf ist das Risiko verbunden, derart zu fallen, dass man irreparable Schäden erleidet. Darüber hinaus erfordert das Leben eines Sumoringers viel Disziplin und Aufopferung. Neben der sportlichen Karriere bleibt daher keine Zeit für eine normale Aus- oder Weiterbildung. Nach dem Ausscheiden aus dem Sport kommt folglich das Problem der Perspektivlosigkeit hinzu, in einem Land, in dem es ohnehin schon schwer genug ist, seinen Job zu wechseln.

Tradition bewahren oder Modernisierung wagen?

Das mögen Probleme sein, die in ähnlicher Weise auch in anderen Sportarten, insbesondere Kampfsportarten, zu finden sind. Trotzdem bleiben Zweifel, ob der Sport durch Lockerungen der Traditionen nicht angenehmer für die rikishi gestaltet werden könnte, was jedoch den strengen traditionellen Wurzeln widersprechen würde. Auch hier ringen Tradition und Moderne miteinander.

Diese und mehr Fragen wirft dieser Sport auf, gleichzeitig einfach und doch so undurchsichtig. Ein Sinnbild für faszinierende japanische Tradition, Vielfältigkeit und Internationalisierung, aber auch für Stagnation und eingestaubten Nationalismus.

Viel mehr als nur zwei dicke Männer, die sich gegenseitig schubsen

Das Januar-Turnier gewonnen hat übrigens der mongolische rikishi Tamawashi, zum ersten Mal in seiner Karriere. Nach der Entscheidung musste sich der 172-kg-Kämpfer ein paar Tränchen aus den Augen wischen, ein seltener Anblick, denn eigentlich bewahren die Sumoringer durchgehend das oben genannte Pokerface. Am Tag des Finales wurde Tamawashis zweiter Sohn geboren. Ab einem bestimmten Rang ist es den Sumoringern nämlich gestattet, außerhalb des Trainingslagers zu wohnen und eine Familie zu gründen. Wer es nicht schafft, bis dahin aufzusteigen, bleibt vorerst Junggeselle. Tamawashi selbst ist bereits 34 Jahre alt, zu alt, um noch weiter in den Rängen der Sumo-Welt bis nach ganz oben zu klettern. Vielleicht wird auch er bald dem Sumo den Rücken kehren. Während des Turniers sind viele Kämpfer verletzt worden, ein Yokozuna ist zurückgetreten. Aber es bleibt kaum Zeit für Erholung, das nächste Turnier steht bereits vor der Tür.

Ich freue mich auf jeden Fall darauf, mehr über diese unbekannte Welt herauszufinden und noch viele spannende Kämpfe zu sehen. Im April ist zudem das Nakizumo Crying Baby Festival, ein Fest, bei dem es darum geht, dass Sumoringer Babys zum weinen bringen. Das lasse ich mir nicht entgehen.

Ein Kommentar

  1. Liebe Hanna, es macht riesig Spass den Artikel zu lesen ( ich habe ihnen mehrmals gelesen) und man möchte sofort nach Japan fliegen um es dieses Spektakel mit eigenen Augen zu sehen. 👍

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