My friends say I should act my age… What’s my age again?

Kennt ihr diesen höchstkitschigen Film mit Jennifer Garner: 13 Going on 30? Teenagerin plötzlich im Körper einer Erwachsenen? So etwa fühle ich mich hier oftmals: Gefangen zwischen Generationen, und den Erwartungen, die wir an diese knüpfen.

Zehnmal Frisch- und einmal Gammelfleisch bitte (von links nach rechts)

Stille. Sanfte Stille. Es ist kurz vor 8 Uhr morgens. Friedlich schlafend liege ich in meinem Bett, während die ersten Sonnenstrahlen des Oxforder Frühlingserwachens mein dahindösendes Gesicht liebkosen. In meiner Schlafhöhle ist es wohlig warm, meine Zehenspitzen finden und erkunden eine unerforschte, kühle Stelle unter der kuscheligen Bettdecke. Ich strecke mich und rolle mich ein in dieses 90×200 cm² große Parzellchen Himmel. Sanfte, himmlische Stille.

Jemand trampelt das Treppenhaus mit energischem Gepolter herab. Holzsohlen auf Treppenabsätzen aus Edelstahl. Unter den donnernden Schritten wackelt und rumort das mittelalterliche Gemäuer. Jäh reißt es mich aus meinen Träumen. Ich drehe mich jammernd auf die Seite und stülpe mir das Kissen über die Ohren. Nur fünf Minuten mehr. Bitte, bitte. Kurz kehrt Ruhe ein. Ich vernehme das Gurren einer Taube. Mein Atem verlangsamt sich, mein Puls wird ruhiger, meine Augen schließen sich.

Knallende Türklinke, Holz reibt sich an Teppichboden, Gewitterschritte. Meine Zimmernachbarin stürmt ins Bad. Sie schmettert die Türen so laut, dass das Bild meines Patenkindes von den Vibrationen umkippt und der Bilderrahmen der Länge nach auf die Schreibtischoberfläche knallt. Sie dreht die Duschbrause auf, jeder einzelne Tropfen an der schlecht isolierten Plastikwandverkleidung zerreißt mein Trommelfell wie fünf überlange Fingernägel, die an einer Schultafel entlangkratzen. Ihr fällt wohl die Shampootube herunter; dem dumpfen, markerschütternden Knallen des Aufpralls nach zu urteilen könnte mein Zimmer aber auch unter anhaltendem Artilleriebeschuss stehen. Also keine fünf Minuten mehr. Die jungen Menschen der Ship Street sind erwacht und sie lassen es jeden wissen.

„The morning I wake up…“

Miesepetrig pelle ich mich aus meinem Bett. So plötzlich aus dem Schlaf gerissen fühle ich umso deutlicher den unweigerlich nahenden Verfall meines Leibes. Mein ganzer Körper schmerzt noch vom gestrigen Fußballtraining. Meine Waden brennen, meine Knie sind wund, der Schädel dröhnt von den teambildenden Nachtrainings-Pints. Wie ein angeschossener Soldat humpele ich zu meinem Waschbecken. Ich fühle mich wie Leonardo DiCaprio nach seinem Kampf mit einem Grizzly, nur zehnmal schlimmer, weil verkatert. Auf dem Weg trete ich barfuß auf das Ladekabel meines Laptops. Die Spitze des Kabels bohrt sich erbarmungslos in meine Fußsohle. Ein infernalischer Schmerz durchfährt meine Glieder. Beim anschließenden Ausfallschritt stoße ich mir den kleinen Zeh am Bettpfosten. Beim Unterdrücken des Schmerzensschreies beiße ich mir auf die Zunge.

Ein Blick in die tragische Visage, die mir im Spiegel entgegenblickt, verrät, dass ich besser liegen geblieben wäre. Es einfacher besser sein ließe. Ich fahre mir mit beiden Händen die Wangen herunter. Meine rechte Handfläche bleibt auf halber Strecke an irgendetwas Schwarzem kleben. Mit dem linken Mittel- und Zeigefinger ziehe ich die Haut unter meinem Auge herab. Tiefviolettes Elend kommt darunter zum Vorschein. Meine Lippen ähneln einer Salzwüste. Mein Gesicht sieht aus wie ein Picasso, but not in a good way. Ich huste schleimig und spucke grünes Zeug ins Porzellan vor mir. Nach dem Zähneputzen stelle ich fest, dass ich keinen Kaffee mehr im Haus habe.

Alt wie ein Baum…

Irgendwie schleppe ich meinen Kadaver in den MCR. Ein frischer, dynamischer und gutaufgedrehter Ben empfängt mich im Raum. Er sitzt lässig im Schneidersitz in einem der Ohrensessel und arbeitet an einem Essay. Auch er war gestern im Fußballtraining und im Pub danach. Er lächelt mich freundlich strahlend an:

„Hey, how’s it going?“

Ich würge ein „Yeah’lright“ hervor und lahme zur Kaffeemaschine. Sie ist defekt. Während ich mir Wasser für einen Tee koche, frage ich Ben höflichkeitshalber zurück:

„How about yourself?“

Er streckt sich, grinst verschmitzt und antwortet mit gespielt unterdrückter Stimme:

„Yeah, quite good actually. Although my legs hurt really badly. Guess that’s the price you pay for an hour of football, a couple of pints and a walk back from Cowley Road, eh?“

Was soll ich nun darauf antworten?

„I’m too old for this shit!“

Ein Teil von mir ist entsetzt ob der dreisten, jugendlichen Naivität, mit der Ben von „Schmerzen“ spricht: Er ist 23. Er besteht zu 90% aus Gummi, Hoffnung und dummen Ideen. Er hat keine Schmerzen. Er hat keine Schmerzen zu haben. Er weiß nicht, was Schmerzen sind. Wenn überhaupt, sollte im inneren Lexikon seines Hirns neben dem Eintrag „Schmerzen, die“ ein Bild von mir in meiner jetzigen Verfassung prangern. Als Mahnmal für zukünftige Generationen.

Ein anderer Teil in mir ist dankbar für die Höflichkeit, ja, die Güte, mit der mich Ben empfängt. Natürlich weiß er, dass das, was da angeblich in seinen Waden zwickt, keine Schmerzen sind. Er muss ja gerade mich anschauen: diesen bleichen Zombie mit blutunterlaufenden Augen und Baseballmütze, die wiederum ja auch nur ein verzweifelter, kosmetischer Versuch ist, die bröckelnde Fassade der längst verlorenen Verbindung zur Jugend aufrechtzuerhalten. Dieser Anblick, den ich Ben mit meiner Anwesenheit zumute: das sind wahre Schmerzen. Seine Höflichkeit ist bloß britisch-nett getarntes Mitleid.

Und schließlich ist da ein Teil in mir, der verbittert und neidisch ist; der sich erinnert, dass auch ich mal so jugendlich vital nach einer durchzechten Nacht am nächsten Morgen putzmunter in einem Stuhl saß und trotzdem problemlos zumindest halbwegs konzentriert arbeiten konnte. Zu einer Zeit, als drei Stunden Schlaf, eine Tasse starken Kaffees und eine 400er Ibu genügten, um dem Kater einfach den Stinkefinger zu zeigen. Als ich versuchte, mich in das Leid meines damaligen, älteren Trierer Mitbewohner J. einzufühlen, wenn jenen an einem Morgen nach zu viel Havana Club und Judotraining bei einer Tasse Kakao und einem Marmeladenbrot die Misanthropie übermannte, und er cholerisch uns ahnungslose Jungspunde angiftete, wenn wir ihn in seiner schmerzdurchtränkten Melancholie störten. Offenbar hat J. in mehrerlei Hinsicht einen nachhaltigen Eindruck auf meine Persönlichkeitsentwicklung gehabt, dass ich mich jetzt in der Erinnerung an ihn wiedererkenne.

Auch erinnere ich mich an die „ewig junggebliebenen“ Silberrücken, die mit Mitte vierzig noch im Jugendclub abhingen und zu fortgeschrittener Stunde, als wir – damals das junge Gemüse im Ort – die Kontrolle über die Musik und den Tresen übernahmen, um den Alten zu zeigen, was wir Grünlinge schon so am Glas können. Die packten dann ihre Jacken und torkelten langsam nachhause. Quasi als vorprogrammierte Antwort auf unsere Sticheleien folgte dann ein „Komm dau mo in mei Alter!,“ und bestenfalls lachten beide Parteien anschließend herzlich, während man gleichzeitig in stiller Eintracht gemeinsam die Mehrwertsteuer aus der Flasche stürzte. Die Silberrücken bewahrten so im Verweis auf den angeblich natürlichen Verfall des eigenen Körpers ihr Gesicht. Die Jugend hatte ihren Spaß, ohne die scheinbar in Stein gemeißelte Dorfhierarchie umzustürzen. Wer hätte diese Praxis auch anfechten sollen? Gab das Alter ihnen doch den Nimbus der Weisheit. Auch dieses Prinzip habe ich wohl über die Jahre hinweg zu einem Teil von mir gemacht.

Ben gegenüber versuche ich also ähnlich Haltung zu bewahren und gebe mich dann tatsächlich einer dieser Pseudoweisheiten hin, die wohl schon Generationen von Neudreißigern vorschützten, um den eigenen Mangel an Fitness oder schlichtweg die vortägliche Verantwortungslosigkeit im Pub mittels naturalisierenden Anführungen des eigenen Alters zu kaschieren:

„Hate to tell you, mate, but it doesn’t really get any better with age.“

Wir lachen beide herzlich und schlürfen in stiller Eintracht unseren räudigen Automatenkaffee.

„You know, I’m not the little boy that I used to be; I’m all grown up now, baby can’t you see?“

Tatsächlich ist dieser Morgen keine Ausnahme. Nicht, dass ich jeden Abend Fußball spiele und selbstverständlich noch weniger, dass ich allabendlich im Pub versacke. Eher, dass ich beinahe täglich mit meinem Alter und dessen recht wandelbaren Bedeutungen konfrontiert werde. Es ist seltsam, wie künstlich und doch real diese scheinbare Grundwahrheit alltäglich greift und in meinem Leben verankert ist, welch bizarre Form diese angebliche Unumstößlichkeit für mich in Oxford angenommen hat, und welch flexiblen Bedeutungen ich diesem Konstrukt, was es doch schlussendlich ist, zumesse.

Wie Ben sind die meisten meiner neugewonnenen Freund*innen Anfang zwanzig, einige wenige sind um die 27. Als mich mein guter Freund Flo aus Trier besuchen kam, stellten wir nach ein paar Pints fest, dass die meisten meiner Oxforder Freund*innen alterstechnisch dichter an seiner sechzehnjährigen Tochter dran sind als an mir. Danach gab es dann noch eine extra Runde Punk IPA.

Ist das eigentlich Schleichwerbung? Qualifiziert mich das zum Influencer?

Tatsächlich habe ich außer ein paar Wenigen mit kaum Leuten regelmäßigen Kontakt, die in ihren Dreißigern sind. Das führt einerseits zu Situationen wie der eingangs geschilderten, in denen ich mich wie ein tatteriger Greis fühle im Vergleich zu der unverschämten Jugend, die mir entgegenblitzt. Anderseits habe ich die 90er Jahre-Party im Linacre College gerockt wie kein Zweiter, weil ich diese Dekade herrlich-schrägen Mülls (musikalisch gesehen) tatsächlich bewusst durchlebt habe. Und gibt es etwas Herzerwärmenderes als einen Dreißigjährigen, der unter Neuzwanzigern aus allen Kehlen „Listen to Iron Maiden, maybe“ brüllt? Kopfstimme: wuhuuhuhuuhuhuuu.

Auf der einen Seite klafft mir also manchmal die Kinnlade runter, wenn ich Doktorand*innen kennenlerne, die gerade einmal 21 sind und Forschung betreiben, bei denen mir vor Ehrfurcht die Tränen in die Augen schießen. Dann kann ich mir aber oftmals auch manches Schmunzeln nicht verkneifen, wenn dieselben Promovierenden nachts nicht in einen Club gelassen werden, weil sie auf 15 geschätzt werden und keine ID bei sich tragen.

Generation Y, generation strange?

Und was in diesem Fall als mitternächtlicher Nackenschlag des Schicksals jäh die Feierlaune unterbrach, bescherte mir anderntags eine diebische Freude: Eines wunderschönen Montagmorgens, etwa gegen 11 Uhr, klopft es an meiner Zimmertür. Der Klopfer entpuppt sich als Nathan, der neue Scout unseres Hauses. Wir quatschen ein wenig, während er seine Arbeit verrichtet. Er fragt mich nach dem Bild auf meinem Schreibtisch, möchte wissen, ob das meine Tochter sei. Ich antworte, das sei meine Patentochter. Grinsend erwidert er:

„Ah, you see, the other day I noticed that picture and I thought she might be your daughter. She kinda has your smile, you know? But then again I thought, nah, Tobi’s probably too young to have a daughter anyway.“

Ziemlich verdutzt frage ich nach: „Ok, how old, or should I say young, do you think I am?“

Nathan mustert mich einen Moment lang:

„Nineteen? Maybe twenty?“

Na, Gott sei Dank trage ich immer meinen Ausweis bei mir.

Was soll also dieses wehleidige Methusalem-Getue, mit dem ich allenfalls spaßige Sticheleien der Anderen heraufbeschwöre, oder mir selbst den Weg für unkomplizierte Ausreden ebne, wenn es um Angelegenheiten geht, auf die ich schlicht und ergreifend keinen Bock habe? Nach der Bar noch in den Club?

„Nah, you kids have fun!“

Ob ich mit meinen Fotos auch eine Instagram-Story mache?

„Yeah, nah, I don’t even know what that is. I’m no millenial like you guys.“

Weshalb die Leute bei meinen Filmabenden Ingmar Bergman nicht kennen?

„‘Cause we weren’t born in the 50s like you, Tobi!“

„‚Cause I’m just a Teenage Dirtbag, baby…“

Zwei Wochen später sitze ich wieder mit Ben im MCR. Diesmal nüchtern und etwas frischer. Eddie ist auch dabei. Die beiden arbeiten an Essays oder ihren jeweiligen Projekten. Ich schreibe gerade die Einleitung zu diesem Blogeintrag. Als ich zu der Stelle komme, in der ich den grinsenden Ben im Ohrensessel beschreiben möchte, fällt mir auf, dass ich tatsächlich gar nicht genau weiß, wie alt er eigentlich ist. Also frage ich ihn.

„Why do you want to know?,“ erwidert er stirnrunzelt.

„I’m writing about you in my blog.“

Er grinst und verzieht das Gesicht dabei zu einer gespielt schüchternen Grimasse.

„37. Like you.“

Wuhuuhuhuuhuhuuu.

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