Zurück aus der Frühlingspause

Lange ist es her, dass ich mich über diesen Kanal gemeldet habe. Umso mehr freue ich mich, in das zweite Semester an der Sophia Universität zu starten. Dann mache ich gleich mal weiter, wo ich in meinem letzten Artikel aufgehört habe. Wo war das noch gleich? Ach ja, das Nakizumo Crying Baby Festival.

Lang waren die Ferien und zu Erleben gab es viel. Neben Vorbereitungen für die Universität und den japanischen Sprachtest JLPT (Japanese Language Proficiency Test) konnte ich so die Zeit nutzen, um Land und Leute zu erkunden und diverse Chancen wahrzunehmen: … und davon erzähle ich ein andermal! Vorerst begnüge ich mich, damit zu sagen, dass alles gut überstanden ist und die Universität wieder begonnen hat. Helau!

In den letzten Zeilen meines Sumo-Artikels wurde mit wenigen Worten das bizarre Event des Nakizumo Crying Baby Festivals erwähnt. Meine treue Fangemeinde und Kernleserschaft wird sich mit Sicherheit erinnern (Martina, das geht raus an dich !!!). Um es kurzzufassen, es geht darum, dass Sumo-Ringer wenige Monate alte Babys zum Weinen bringen sollen. Abgehalten an einem Schrein soll das kräftige Heulen für zukünftige Gesundheit und das Wohl der Frischlinge sorgen.

Das letzte Crying Baby Festival einer Ära

Und so begab es sich, dass ich und meine Gefolgschaft, meine Gefolgschaft und ich, uns aufmachten zum letzten Nakizumo Crying Baby Festival der Heisei-Ära. Kurze Fußnote an dieser Stelle für alle, die es nicht in der Tagesschau oder auf therisingwasabi.com mitbekommen haben. Vor ein paar Tagen ist der japanische Kaiser in den Ruhestand gegangen und sein Nachfolger Naruhito hat an seiner Stelle den Thron bestiegen. Erstmalig seit ein paar Hundert Jahren hat sich der alte Kaiser zu Lebzeiten dazu entschieden, in den Ruhestand zu treten. Dadurch stand das Ende der Ära Heisei vorzeitig fest und alles konnte mit Heisei saigo no … (平成最後の Der/Die/Das letzte … in Heisei) betitelt werden: Die letzte Party in Heisei, das letzte Bier in Heisei, das letzte Nakizumo Crying Baby Festival in Heisei. Frohes Neues, alle zusammen und auf ein wundervolles Jahr Reiwa 1!

Auf den Fahnen steht Nakizumo, was so viel wie „Heul-Sumo“ bedeutet

Wir kamen also beim Sensô-ji Tempel in Asakusa an. Etwas abseits der täglichen Touristenströme (Iiiih, Touristen!) fand sich ein Miniatur-Sumoring aufgebaut. Rings herum standen die farbenprächtigen Banner der Sumo-Arenen, allerdings betitelt mit dem einladenden Namen dieser Veranstaltung.

Wer lauter schreit, gewinnt

Die Regeln wurden wie folgt bekannt gegeben: Es treten jeweils zwei rikishi gegen einander an. Ja, die Babys wurden mit dem Titel rikishi (力士: Die Kanji bedeuten wörtlich kräftiger, starker Mann/Kämpfer) für Sumoringer bezeichnet. Ach wie niedlich! Der rikishi, der als erstes 10 Sekunden am Stück weint, gewinnt. Sollten beide gleichzeitig weinen, gewinnt das Baby, das lauter weint. Sollte keins von beiden nach einer Weile zu weinen anfangen, betreten die Ringrichter den Ring und erschrecken die Kinder mit „gruseligen“ Masken von oni (鬼 trollähnliche Dämonen) oder Füchsen.

Was für ein niedliches Spektakel! Tatsächlich ist dieses Ritual in vielerlei Hinsicht eine Miniaturversion des echten Sumoringens gewesen. Die Namen der Kämpfer wurden, aufgeteilt in nishi (西 Westen) und higashi (東 Osten), aufgerufen. Daraufhin betraten die stolzen Wettkämpfer, getragen von ihren Müttern und Vätern und bekleidet mit prachtvollen kesshô-mawashi (化粧回し Bunt bestickte Schürzen der Sumoringer), den Ring. Der Anblick der kleinen Wonneproppen war dabei wohl so putzig, dass irgendwer vergessen haben muss, dass Frauen den Ring eigentlich gar nicht betreten dürfen. Schwamm drüber, die Hälfte der rikishi waren schließlich auch Femme fatale.

Die kleinen Sumo-Heuler tragen Schürzen wie ihre großen Vorbilder

Die teilnehmenden Sumoringer, vier an der Zahl, gehörten wahrscheinlich nicht zu den oberen Divisionen der Profi-Sumos. Ihre leidige Aufgabe an diesem Tag war es, das zu provozieren, was man sich an keinem Morgen in einer vollen Bahn wünschen möchte: möglichst laut schreiende Babys. Und bevor der fantasievolle Leser sich an dieser Stelle sich vorstellt, wie 150 Kilogramm schwere Kampfsportler Babys schütteln oder durch die Gegend werfen, soll gesagt sein, dass in den Regeln solche Handlungen ausdrücklich untersagt wurden. Die Kinder wurden eher geschunkelt, geschaukelt und wie Simba in Der König der Löwen in die Luft emporgehoben. Wenn die abgebrühten rikishi auch davon unbeeindruckt blieben, haben die Ringrichter mit ihren Masken nachgeholfen.

„Chantal, heul lauter!“

Wie bei dem echten Sumo stand der Schiedsrichter (行司 gyôji) ganz nah bei den rikishi mit im Ring. Seine Robe war ebenfalls dem Original aus der Sumo-Arena nachempfunden. Anstelle der üblichen Anfeuerungsrufe Hakkeyoi, nokotta, nokotta! (はっけよい、残った、残った), was soviel bedeuten mag wie „Weiter so, streng Dich an und bleib im Ring!“, rief der nette Onkel in der Robe: Nake, nake, nake! (泣け、泣け、泣け!), wörtlich: „Heul, heul, heul!“ oder „Wein, wein, wein!“. Im Gegensatz zu Elyas M’Barek in Fack ju, Göhte („Chantal! Heul leise!“) ergänzte der Schiedsrichter den plärrenden Kindern gegenüber dann noch: „Klasse! Kannst du auch noch ein bisschen lauter heulen?“.

Ungefähr hundertsechzig Babys wurden so in zwei Stunden zum Weinen animiert. Mein persönliches Highlight war übrigens ein tapferer rikishi, der in voller Captain America Montur zum Kampf angetreten ist. Verloren hat er trotzdem. Ob das wohl ein Vorzeichen für den neuen Avengers-Film sein mag?! Keine Ahnung. #dontspoiltheendgame

Ich weiß auf jeden Fall, was meine zukünftigen Kinder mal erleben dürfen! Und damit ein kräftiges Dankeschön an alle, die bis hierhin gelesen haben, und dôzo yoroshiku o-negai shimasu (どうぞよろしくお願いします wörtl. Bitte seien Sie mir gewogen) für das Sommersemester!