TriVerM: Ein abschließender Projektbericht

Heute lehne ich mich zurück, blicke auf meine fünf Leben und sage: „Danke, dass es euch gibt!“

Mein Blogprojekt neigt sich dem Ende zu. Schreiben verändert ja auch stets den eigenen Blickwinkel. Heute ziehe ich Bilanz – und versuche mich vorsichtig an ein wenig Lebensweisheit.

Wie es begann

Wie kommt man auf die Idee, Ausschnitte seines Privat- und Berufslebens in einem Blog offenzulegen? Bei mir lässt sich das, wenn ich eine ehrliche Selbstbeschau vornehme, wie folgt begründen. Ich habe Spaß am Schreiben. Ich besitze ein Gen, das Mitteilungsbedürfnis und Bühnengeilheit vereint. Ich finde mich selbst natürlich unheimlich witzig. Ich unterliege folgerichtig der irrsinnigen Annahme, dass es Menschen gibt, die mein Geschriebenes interessiert und die das ebenfalls witzig finden. Und ja, vielleicht habe ich auch noch eine Botschaft, die ich verkünden möchte, eine kritisch-weiblich-ironische Sichtweise auf mein Leben als arbeitende Mutter. Alles in allem ausreichend Gründe, um gemeinsam mit Natalie Schramm[1] aus der Pressestelle die Idee für dieses Blogprojekt zu entwickeln. Bei einem ersten Treffen wurde schnell klar: Es mangelt nicht an Ideen. Aber an Klarheit und Fokussierung. „Was ist dir wichtig? Was möchtest du rüberbringen?“, fragte mich Natalie. Und nachdem ich eine Weile hin und her überlegt hatte, kam ich zu dem Schluss: Rollenerwartung. Das ist es, was mich seit Jahren umtreibt. Und darüber möchte ich schreiben. Natürlich bin ich nicht die erste Frau, die glaubt, etwas über die Probleme bei der Vereinbarkeit von Familie, Beruf und eigener Persönlichkeit berichten zu können. Aber ich werde vermutlich auch nicht die letzte Frau sein, die das Bedürfnis hat, diesen Problemen öffentlich Ausdruck zu verleihen. Und so begann ich, einmal monatlich meine ganz persönlichen Erfahrungen aus dem privaten und universitären Alltag niederzuschreiben.

Wie es seinen Lauf nahm: Überleben in Tarforst

Liebe Leserschaft, gemeinsam haben wir in diesen Monaten versucht, in Tarforst zu überleben. Hatte ich eigentlich von dem Spiel berichtet, das ich zu Beginn meiner Trierer Zeit gerne mit mir selbst während der Einkäufe im Edeka gespielt habe? Wer kennt das nicht: Man möchte mit dem Wagen durch den schmalen Gang fahren, aber da parkt ein anderer Wagen im Weg. Es soll ja Städte mit freundlichen und offenen Menschen geben, in denen sich dieses Problem mit einem einfachen „Entschuldigung, darf ich da mal durch?“ in Sekundenschnelle lösen lässt. In Trier ist das natürlich etwas schwieriger. Meiner Erfahrung nach sind die wenigen freundlichen und offenen Menschen, auf die man hier trifft, in den allermeisten Fällen Migranten aus dem Saarland. Zurück zum Spiel. Stellt euch die Situation wie folgt vor. Der Edeka ist brechend voll, womöglich steht ein Feiertag an, und es wollen Vorräte für die nahende Apokalypse angelegt werden. Ich stelle mich mit meinem Einkaufswagen quer vor die Kühltheke und blockiere damit komplett den Weg Richtung Fleischtheke – das ist der wundeste Punkt, an dem man den Vorfeiertagseinkäufer treffen kann. Ich positioniere mich provozierend auf der anderen Seite des Wagens, mit festem Blick in Richtung des nahenden Trierers. Die Dame, sie sieht aus wie eine Gertrud oder Elsa, nähert sich mit ihrem Gefährt meinem Wagen, verlangsamt ihren Schritt und setzt einen vorwurfsvollen Blick auf. Ich starre sie unbeeindruckt weiter an. Gertrud-Elsas Blick wird noch ein wenig vorwurfsvoller. Ich schaue sie erwartungsvoll an und besitze dabei auch noch die Dreistigkeit, freundlich zu lächeln. Gertrud-Elsas Blick wird nun richtig wütend. Wir stehen inzwischen Wagen an Wagen im Gang. Nun gibt es zwei Möglichkeiten, wie das Spiel ausgeht. Wenn Gertrud-Elsa stumm den Kopf schüttelnd den Rückwärtsgang einlegt und in den Parallelgang einbiegt: Punkt für mich. Wenn Gertrud-Elsa fragt, ob sie mal vorbei darf: Punkt für die Trierer Mannschaft. Ich formuliere es mal so. Es kam selten vor, dass ich einen Gegentreffer erhalten habe. Leider musste ich das Spiel jedoch bereits nach wenigen Wochen wegen akuter Kindesgefährdung einstellen. Eine sehr wütende Gertrud-Elsa hat meinen Wagen einfach wortlos und mit Anlauf zur Seite gerammt und dabei Sohn 2 und Sohn 1, die im Wageninneren zwischen den Einkäufen hockten, beinahe im hohen Bogen über die Tiefkühltruhen geschleudert.

Wie es seinen Lauf nahm: Überleben an der Universität Trier

Liebe Leserschaft, gemeinsam haben wir in diesen Monaten versucht, an der Universität Trier zu überleben. Und das ist wahrlich nicht immer einfach gewesen. Hatte ich eigentlich schon von der Sanierung der Toilette direkt gegenüber meines Büros berichtet? Als ich anfing, hier zu arbeiten, hieß es, es sei nur noch eine Frage von Wochen, dann könne man die Toiletten wieder nutzen. Gut, bei einem Blick in den leeren dunklen Raum hätte der erfahrene Beobachter öffentlicher Bauprojekte bereits wissen können, dass aus Wochen sicherlich Monate werden. Ganz sicher war ich mir allerdings, als ich den Bautrupp antraf. Gut, das war jetzt nicht allzu oft der Fall, meistens passierte über mehrere Wochen hinweg einfach nichts. Aber wenn mal jemand dort arbeitete, dann war wirklich „Action“ angesagt! Vor allem an den Wochenenden, die die Bauarbeiter verbrachten. Man soll ja gar nicht meinen, wie viele „geile Weiber“ es hier in Trier gibt, die allesamt ihr Leben lang auf diesen Traum eines Mannes gewartet haben. Nach mehreren Wochen war ich immer wieder kurz davor, mich ungefragt an der Diskussion zu beteiligen und zu fragen, wer von den „geilen Weibern“ denn nun das Rennen um Triers Bachelor mit dem attraktivsten Maurerdekolleté gewonnen hat. Ab und an müssen die Männer aber dann doch dazu gekommen sein, irgendwas zu arbeiten. Und zwar der Art, dass wenige Tage später der Bauleiter fluchend vor meinem Büro stand, was die denn da nun schon wieder „für eine Scheiße“ fabriziert hätten und dass das alles noch mal neu gemacht werden müsse. Ich für meinen Teil schloss daraus: Edith, teile dir die Kanne Tee, die du im Büro normalerweise trinkst, lieber gut ein. Wer kennt das nicht, dass er aus Versehen doch bereits früh mehrere Tassen getrunken hat und dann ausgerechnet zum Vorlesungswechsel pinkeln muss, genau dann, wenn ALLE Studentinnen ebenfalls austreten müssen? Naja. Was soll ich sagen. Meine Blase ist nun astrein trainiert und lässt sich beliebig auf bestimmte Uhrzeiten abrichten, wenn es sein muss. Und die neuen Toiletten sind glaube ich ganz schön geworden. Ganz sicher bin ich mir aber noch nicht – das Licht funktioniert leider nur sporadisch.

Wie es nun weitergeht

Auch wenn dies mein letzter Blogbeitrag zu meinem TriererVereinbarkeitsManagementsystem wird – das Projekt an sich wird hoffentlich noch viele Jahre weiterlaufen. So sehr ich manchmal auch die Tage verfluche, an denen mir morgens die wichtige Datei abschmiert, nachmittags Sohn 2 sich auf dem Spielplatz komplett mit Apfelschorle übergießt, wobei ich selbstverständlich keine Ersatzsachen eingepackt habe, abends Sohn 1 trotz wiederholten Ermahnens einen Luftballon durchs Wohnzimmer schlägt, welchem dann die Gläser auf dem Tisch zum Opfer fallen, und später beide Söhne nicht ins Bett wollen (Zitat Sohn 2: „Wenn ich erwachsen bin, dann schlafe ich überhaupt nie mehr, da kannst du dann gar nichts machen, ätsch!“). So sehr bin ich doch auch immer wieder dankbar, dass ich morgens einen Job und nette Kollegen habe und ab nachmittags zwei gesunde Kinder, die mir auf die Nerven gehen. Ja, ich weiß, es klingt banal. Aber ich habe gemerkt, dass mir etwas mehr Dankbarkeit ganz gut zu Gesicht steht. Und manchmal denke ich, das täte sie bei anderen hier oben in Tarforst ebenfalls. Wenn sich an einem Elternabend im Kindergarten mal wieder stundenlang über vermeintlich mangelnde Frühförderung der begabten Kleinen beklagt wird, dann denke ich mir immer: „Leute, hier oben hat doch niemand ECHTE Probleme!“ Und wenn am Kindergartenfest Spendengelder für den Kindergarten gesammelt werden, damit irgendein fancy Spielgerät angeschafft werden kann, woraufhin ich vorschlage, wir könnten doch zumindest einen Teil für bedürftige Kinder in Waisenheimen sammeln, bekomme ich doch ernsthaft zu hören: „Aber Edith, unsere Kinder BRAUCHEN das doch jetzt, und das ist schließlich unser Geld!“ Nein. Tun sie nicht. Von BRAUCHEN sind wir hier alle meilenweit entfernt. Und ja. Es ist euer Geld. Aber nicht, weil ihr erfolgreich studiert und hart gearbeitet habt. Vermutlich habt ihr euch tatsächlich angestrengt, aber was euch vor allem auf die Sonnenseite des Lebens katapultiert hat, sind Glück und Zufall.

Wie das Leben so spielt

Unsere Putzfrau musste in Kriegszeiten aus dem Kosovo fliehen. Sie und ihr Mann kamen mit nichts hierher, ihr Haus dort war vollständig abgebrannt. Sie hätte gerne als Erzieherin gearbeitet, doch ihre Deutschkenntnisse reichten nicht aus. Ihr Mann konnte aufgrund eines Kriegstraumas nicht arbeiten. Also fing sie an, in Privathaushalten zu putzen, um sich, ihren Mann und die kleine Tochter über die Runden zu bringen. Und weil sie auch weiterhin das Geld brauchte und keine Zeit für eine Ausbildung hatte, blieb sie beim Putzen. Als wir mal wieder in ihrer Pause einen Kaffee tranken, sagte sie einmal zu mir: „Edith, du bist immer so gut zu mir. Du hast immer Respekt. Du bist nicht so von oben, weißt du.“ Das hat mich gerührt, denn in der Tat sehe ich keinen Grund darin, unserer Putzfrau mit weniger Respekt zu begegnen als einem gestandenen Professor an dieser Universität. Ich sagte zur ihr: „Das ist ganz einfach. Du bist hier in Deutschland und putzt für uns, und ich lebe im Wohlstand und arbeite an der Uni. Ich hatte einfach Glück, dass ich keinen Krieg erleben musste und mir ein Leben aufbauen konnte. Aber es könnte doch auch genauso gut sein, dass wir jetzt gerade im Kosovo säßen und ich für dich putzen würde. Es ist das Schicksal, das uns beide hier in Deutschland in dieser Konstellation zusammengeführt hat. Und dessen versuche ich mir stets bewusst zu sein. Weißt du, es ist diese undankbare Haltung, die mich hier oben bei manchen Leuten so ankotzt. Diese arrogante Ausstrahlung: Ich habe das hier alles verdient, weil ich eben etwas dafür getan habe.“ Also, liebe Tarforster High Society: Wenn ihr das nächste Mal beim Elternabend in eurem Akademikerkindergarten, in welchem das eine nichtblonde Quotenausländerkind in der Gruppe von einem chinesischen Ingenieurspärchen abstammt, über vegane Sonnencreme diskutiert – seid dankbar, dass es solch schwerwiegende Probleme sind, mit denen ihr euch herumschlagen dürft.

[1] An dieser Stelle: Tausend Dank für deine liebevolle Betreuung und die stets klugen Verbesserungsvorschläge, liebe Natalie.