Ein Lebenszeichen und ein lebender Nationalschatz

Kyōgen-Aufführung in Aoyama: Stelle aus dem Stück Bon-san

Das soziale Leben an japanischen Universitäten organisiert sich über Clubs, sogenannte „Circle“. An der Waseda Universität gibt es um die 600 solcher Clubs, die von Baseball bis Stenographie jedes Interessensgebiet abdecken. Ich trat dem Kyōgen-Club bei, in dem eine traditionelle Form des komischen Theaters bewahrt und praktiziert wird.

Es begab sich zu der Zeit, genauer gesagt im April 2019. Der Frühling hatte bereits begonnen, doch es war noch immer etwas kühl. Ich stand in der Nähe des Haupttors der Waseda-Universität und verteilte Flyer an neue Studierende.

An japanischen Universitäten beginnt das Studium in der Regel im Sommersemester. Die meisten Neulinge erkennt man an Anzug oder Kostüm, und im Zweifel immer am scheuen Gesichtsausdruck. Was mit dem Eintritt durch das Universitätstor seinen Anfang nimmt, scheint den wenigsten angenehm zu sein. Die meisten lassen es aber über sich ergehen, wenn Vertreter der 600 Clubs lautstark und mit viel Infomaterial versuchen neue Mitglieder für sich zu gewinnen. Wer den Widerstand aufgegeben hat, hält bloß noch die Hände ausgestreckt vor sich und endet mit einem telefonbuchdicken Stapel von Infoflyern, die von allen Seiten fröhlich beigelegt werden.

Das Geschehen vor meinen Augen erinnert mich an den Protagonisten aus Morimi Tomihikos Roman Tatami Galaxy (yojōhan shinwa taikei 四畳半神話体系), der auf der Suche nach dem perfekten Universitätsclub, immer wieder in der Zeit zum ersten Tag des Semesters zurückreist, in der Hoffnung, so Glück in Liebe und Freundschaft zu finden. Hier ein Zusammenschnitt aus der brillianten Anime-Adaption des Romans:

Das gesamte soziale Leben an der Universität hängt nicht selten von der Wahl des richtigen Clubs ab. Das ist eine Lektion, die ich bereits aus meinem letzten Auslandsjahr mitgenommen habe. Wer glaubt, sich einfach in ein Unicafé zu setzen (a propos, passend zum Semesterbeginn wurde ein Starbucks auf meinem Campus eröffnet) und so Bekanntschaften schließen zu können, bleibt meistens in einer Gruppe mit anderen Austauschstudierenden und hat nur wenig Kontakt zu japanischen Studierenden. Diese stehen übrigens vor demselben Problem. Selbst in gemeinsamen Seminaren lässt sich nicht zwangsweise Anklang finden. Rückblickend kann ich bestätigen, ohne den Beitritt in einen Circle, hätten sich soziale Interaktionen an der Universität auf das „Hallo“ und „Auf Wiedersehen“ im Seminarraum beschränkt.

Die Wahl des richtigen Universitätsclubs:

Ein Club musste also gefunden werden und da ich im Wintersemester ankam und nur wenige Studierende hier im Oktober ihr Studium beginnen, gab es keine campusweite Circle-Messe. Im kleinen Rahmen stellten einige Circle ihre Aktivitäten vor: Tanz, Musik, interkulturelle Kommunikation. Eine Suche auf der Universitätswebsite erwies sich als hilfreich dank des praktischen Filters „International Students Welcome“ (übrigens der einzige Suchfilter), der die Auswahl auf 10 Seiten mit jeweils 24 Clubs einschränkte. Ich suchte nach einem Theaterclub – die Waseda Universität ist berühmt für ihre Theaterkultur – und wurde mit dem Kyōgen-Club fündig.

Mein Club nennt sich „Kyōgen Kenkyuukai“, wörtlich, „Kyōgen-Forschungsgruppe“, was wesentlich verkrampfter klingt als es ist. Tatsächlich ist das eine gebräuchliche Bezeichnung an japanischen Universitäten. So gibt es zum Beispiel eine „Pokémon-Forschungsgruppe“. Das Thema ist oft nur der Anlass, sich im Clubraum zu treffen, Bekanntschaften zu schließen und diese dann außerhalb der Club-Aktivitäten zu pflegen. Im Kyōgen-Circle wird eine gute Balance eingehalten zwischen Herumalbern und ernsthaftem Einstudieren von Texten und Bewegungsabläufen. Zweimal monatlich werden die Mitglieder von einem professionellen Kyōgen-Meister ausgebildet. Also auch ich.

Die Mitglieder der verschiedenen Kyōgen-Clubs Tokyos. Vordere Reihe: Mein Kyōgen-Lehrer Nakamura Shūichi (4. v.l.)

Der Ablauf einer solchen Unterrichtsstunde ist simpel: der Meister rezitiert einen Text und man versucht diesen so gut wie möglich nachzuahmen. Dies findet im Seiza, im Fersensitz statt. Auf Holzboden. Nach 5 Minuten schlafen mir die Beine ein. Eine Übungseinheit dauert ca. 15 bis 20 Minuten. Jedes Mal schleppe ich mich mit tauben Beinen von der Übungsbühne, ein Schicksal, das die geübteren Mitglieder des Clubs zwar nicht mehr ereilt, jedoch ist das Einschlafen der Beine bereits seit Anfangszeiten des Kyōgen ein üblicher Scherz unter Praktizierenden. Es gibt sogar ein Stück, das von einem Diener handelt, der aus Trägheit vortäuscht, aufgrund seiner eingeschlafenen Beine nicht weiterarbeiten zu können. „Warum schlafen deine Beine so oft ein“, fragt der Herr Verdacht schöpfend, worauf sein Diener trocken entgegnet: „Das habe ich von meinen Eltern geerbt.“

Einige Worte zum Kyōgen-Theater

Im Vergleich zu Kabuki und Nō bestechen Kyōgen-Gewänder durch ihren Minimalismus

Kyōgen ist eine traditionelle Form des japanischen Theaters, ursprünglich als humorvolles Zwischenstück zum eher schwermütigen No-Theater entstanden. Geschrieben wird Kyōgen mit den Zeichen für „verrückt“ (狂) und „Wort“ (言). Jedes Stück beginnt mit den Worten: „Kono atari no mono de gozaru“, salopp übersetzt, „Ich komm‘ aus der Gegend.“ Nicht Adlige, Prinzessinnen und Gottheiten, sondern ganz normale Menschen stehen im Mittelpunkt. Im Gegensatz zu den aufwändigen Frisuren und Verkleidungen im No-Theater oder Kabuki, ist Kyōgen minimalistisch in seiner Ästhetik, nahezu modern wirken die Gewänder. Es gibt kaum Requisiten, Masken werden nur bei der Verkörperung von Tieren oder Fabelwesen getragen. Die Bühne ist identisch mit der No-Bühne, die im Gegensatz zur westlichen Theaterbühne bis in den Publikumsbereich hineinragt. Dadurch können Schauspieler von verschiedenen Blickwinkeln aus betrachtet werden. Das Bühnenbild ist simple, nur eine Baummalerei verziert den Hintergrund.

Doch wie sieht so ein Kyōgen-Stück eigentlich aus?

In der Regel treten zwei Schauspieler auf die Bühne, der Hauptdarsteller (Shite) und die unterstützende Rolle (Ado) die sich meist in ihrer sozialen Stellung unterscheiden. Ein Beispiel: Im Stück Gyoseppō (魚説法 dt. Fischpredigt) sucht ein Mann den Priester auf, um einen Segen zu erhalten. Im Tempel befindet sich allerdings nur ein Novize, der noch nicht die komplexen Sutren gelernt hat, um einen solchen Segen auszusprechen. Anstatt zu erklären, dass der Priester gerade nicht anwesend sei, improvisiert der Novize die Sutren, indem er Textlücken mit Fischnamen auffüllt. Er stammt aus einem Fischerdorf. Seine Dreistigkeit bleibt nicht unerkannt, und so wird er am Ende von der Bühne gejagt.

Das Zusammenspiel von hochästhetisierten Bewegungen und Dialogen auf der einen Seite und den absurd-komischen Handlungen der Stücke auf der anderen, hat mich von Anfang an fasziniert. Die Textvorlagen sind alle im klassischen Japanisch geschrieben. Vieles lässt sich zwar mit einer guten Kenntnis des modernen Japanischen verstehen, der Klang des Kyōgen ist aber ein ganz anderer. Das ist in etwas so, als würde man im 21. Jahrhundert Walther von der Vogelweide zuhören können. Man stelle sich vor, es gäbe einen Universitätsclub in Trier, in dem man sich versammelt, um Minnesang zu üben. Klingt gar nicht so absurd. Mittelalterfestivals gibt es ja zu genüge. Für mich war der Kyōgen-Club zumindest eine gute Gelegenheit, die in der Trierer Japanologie erlernten Grundkenntnisse im klassischen Japanisch etwas aufzufrischen.

Das Aushängeschild des zeitgenössischen Kyōgen

Dass sich das Kyōgen-Theater über die Jahrhunderte erhalten hat und sich heute scheinbar ähnlich anhört und anfühlt, wie lange vor Zeiten von Youtube, ist verschiedenen Kyōgen-Schulen zu verdanken. Eine solche ist die Nomura-Familie, die sich der Izumi-Schule zuordnen lässt, und zu der Nomura Mansai gehört, der vielleicht prominenteste Vertreter dieser Kunstform. Kyōgen ist seit 2008 Bestandteil der UNESCO-Liste der „Repräsentativen Liste des immateriellen Kulturerbes der Menschheit“. Nomura Mansaku, der Vater von Mansai, trägt seit 2007 den Titel „Lebender Nationalschatz“, der praktizierenden Bewahrern traditioneller Kunstformen und Handwerke verliehen wird. Ein Titel, der den 53-jährigen Mansai sicher auch bald erwartet. Nomura Mansai ist mittlerweile das Gesicht des modernen Kyōgens, was sicherlich seines telegenen Auftretens zu verdanken ist. Als Schauspieler ist er aus Filmen, Fernsehsendungen und weit über die Grenzen der No-Bühne hinaus bekannt. Der folgende Clip aus der Kindersendung Nihongo de asobou (にほんごであそぼう ist jedem Japaner meiner Generation bekannt.

Im öffentlichen Bewusstsein ist Mansai erst Filmschauspieler und dann Kyōgenmeister, viele Japaner haben tatsächlich noch nie eine Kyōgen-Aufführung gesehen. Auch über die Landesgrenzen hinaus ist Mansai beliebt. Twittere ich seinen Namen, sind mir Likes von chinesischen Fanseiten gewiss. Mansai steht ebenfalls für die Integration anderer und moderner Kunstformen ins Kyōgen. Als Student verbrachte er ein Auslandsjahr in England, befasste sich mit Shakespeare und führt mittlerweile regelmäßig Stücke des britischen Nationaldichters auf.

Die Anfangsorte des Kyōgen, „Kono atari no mono de gozaru“ (ich komme aus der Gegend), scherzt er einmal bei einem Live-Auftritt, sei durchaus wörtlich zu verstehen. „Ich komme aus der Gegend, sage ich, egal, ob ich in London oder Sankt Petersburg auftrete.“

Und als ich das höre, muss ich an eine alte Geschichte aus meiner Heimat denken. Ein Jäger erschoss eines Morgens ein Tier. Im Glauben einen großen Vielender geschossen zu haben, nähert er sich seiner Beute und stellt mit Erstaunen fest, dass das, was er da erschossen hat, gar kein Wildtier war, sondern lediglich eine Kuh. Der Humor des Kyōgen-Theaters ist universell, und diese Geschichte würde sicherlich Stoff für ein wunderbares Stück bieten.

Tag der Aufführung

Spannung vor dem Auftritt: Zwei Club-Mitglieder spähen ins Publikum

Das wöchentliche Proben erfolgte nicht nur zum Spaß, es war auch Vorbereitung auf eine große, öffentliche Aufführung. Organisiert wurde diese mit unserem Lehrer und einem Verbund aus sechs Kyōgen-Clubs in Tokyo. Aufführungsort war nicht etwa die Waseda Universität, sondern im schicken Viertel Aoyama, nicht allzu fern der berühmten Shibuya-Kreuzung. Dort bietet das Tessen-kai seine Noh-Bühne für angehende Profis des traditionellen Theaters. Bisher war ich nur den Übungsraum an der Universität gewohnt, der keineswegs schlecht ausgestattet war, aber bei dem Gedanken auf einer richtigen Bühne zu spielen, bekam ich Respekt. Und tatsächlich, am 2. Juni, dem Tag der Aufführung, zitterte ich am ganzen Körper. Glücklicherweise war ich als erster dran, mit meiner Partnerin Eriko, die die Hauptrolle meisterhaft ausfüllte. Frauen, die den Großteil der Clubmitglieder ausmachen, sind in der Regel vom professionellen Kyōgen ausgeschlossen.

Das Stück, das wir aufführen heißt Bon-san (盆山), benannt nach einem Berg auf dem sich das Anwesen eines wohlhabenden Herrn befindet (meine Wenigkeit). Beim Kyōgen werden übrigens die Namen der Schauspieler beibehalten. So heiße ich nun Lukas-dono (Anrede für einen Herrn), was schon zu Beginn für einige Lacher im Publikum sorgt. Meine Untergebene ist mit der sozialen Ungerechtigkeit vor Ort unzufrieden. Da sammelt der Herr so viel Reichtum an und will nichts davon abgeben, der Geizhals! Schon ist die Säge eingepackt und sie macht sich optimistisch auf, um das Anwesen auf dem Bon-san um einige Schätze zu erleichtern. Natürlich fliegt sie in Windeseile auf, und natürlich belässt der Herr es nicht dabei und führt die Arme vor. „Hat sich da etwa ein Mensch in den Schatten des Bon-sans versteckt? Nein, es muss ein Hund sein. Na los, belle wie ein Hund“. Das Spiel wird noch ein wenig weitergeführt, einen Affen soll sie mimen. Doch als es zu der Frage kommt, was für Geräusche Meerbrassen von sich geben, muss sie sich geschlagen geben, und wird mit dem Schwert von der Bühne gejagt.

Vielen Dank an Hanna für dieses Foto aus der Aufführung.

Gorin, gorin, gorin

„Gorin, gorin, gorin, hahaha“, hört man Nomura Mansai loslachen. Gorin (五輪) beudetet wörtlich „Fünf Ringe“ und steht für die Olympischen Spielen. Sein Lachen ist mechanisch, als habe man einen Apparat aufgezogen. Auch ich musste dieses Lachen lernen, um mein Gegenüber in „Bon-san“ zu verspotten. Doch Nomura lacht nicht aus Spott und auch nicht im Kontext eines Kyōgen-Stücks, sondern in einem Werbevideo für die kommenden Olympischen Sommerspiele 2020.

Ein Grund (einer von vielen), weshalb dieser Artikel so spät erschien, wie er nun mal erschienen ist, liegt darin, dass ich in meinem Auslandsjahr die Möglichkeit hatte, an einem Forschungsprojekt über die kommenden Olympischen Spiele 2020 in Tokyo mitzuarbeiten. Am Deutschen Institut für Japanstudien, das auf dem Campus der Sophia Universität liegt, recherchierte ich zu der Zukunftsvision des Megaevents, zu Chancen und Problemen. Im Oktober 2019 wurde plötzlich entschieden, dass der Marathon, Symbol der Spiele, von Tokyo nach Sapporo verlegt werden soll. Der Versuch, Profisportler dem schwülen, japanischen Hochsommerwetter auszusetzen, war von Anfang an ein aussichtsloser. Skandale und Widersprüche gab es schon zuhauf, und das liegt vielleicht eher, böse vermutet, in der Natur der Spiele, als im Gastland selbst verankert. Auf eines freue ich mich aber nach wie vor, nämlich die Eröffnungs- und Abschlusszeremonie der Spiele, das kulturelle Rahmenprogramm. Wenn auch noch nicht offiziell, der Ruf als lebender Nationalschatz ist Nomura Mansai unter seinen Landsleuten längst sicher.

Wer Gefallen an Kyōgen gefunden hat, dem empfehle ich Nomura Mansais Kyōgen Cyborg (狂言サイボーグ), die Einführungstext und Chronik seines Schaffens zugleich ist. Eine kurze Review findet sich hier.

Danken möchte ich Tim Janssen, der über alle meine Texte seit meinem Auslandsjahr an der Sophia Universität 2016/17 gelesen hat und mit Rat zur Seite stand. Außerdem danke ich Hanna Kasperidus, der auch das wunderbare Foto in diesem Blog zu verdanken ist, und die immer für Unternehmungen in Tokyo zu haben war. Und natürlich danke ich allen Lesern, die diesen wortlastigen, aber hoffentlich unterhaltsamen Blog bis zum Ende verfolgt haben.

Omake / Bonus:

Nomura Mansai kombiniert Bewegungen aus dem Kyōgen mit Ravels „Bolero“ in einer atemberaubenden Vorführung am Setagaya Public Theatre.